Von Cordt Schnibben

Am 23. Dezember 1986 meldete die Frankfurter Allgemeine Zeitung auf der ersten Seite, der kambodschanische Flughafen Siem Reap sei am Vortage von Einheiten der Roten Khmer angegriffen und „das Rollfeld und fünf Gebäude (seien) fast vollständig zerstört worden“. Siem Reap liegt zwanzig Minuten von der Ruinenstadt Angkor entfernt. Am selben Tag landete die erste westdeutsche Reisegruppe, die Angkor seit 1970 besuchen konnte, auf dem unversehrten Rollfeld von Siem Reap, schritt durch die unversehrte Empfangsbaracke und verlebte einen ruhigen, strapaziösen Tag in der drückenden Schwüle der Trümmerlandschaft Angkors.

Seit es Angkor gibt, wird um Angkor gekämpft. Im 10. Jahrhundert kämpften die Siamesen gegen die Khmer, im 12. Jahrhundert die Cham gegen die Khmer und im 20. Jahrhundert die Amerikaner gegen die Khmer, dann die einen Khmer gegen die anderen Khmer, die Vietnamesen gegen die einen Khmer, und nun kämpfen wieder die Khmer gegen die Khmer. Seit die Roten Khmer militärisch schwach sind, kämpfen sie vor allem mit ideologischen Waffen, und dazu gehören mit Vorliebe Zeitungsenten.

So zynisch es klingen mag: Angkor ist vermutlich das einzige, was das Interesse der Welt an Kambodscha wachhält, und darum möchten die einen Khmer, daß möglichst viele Menschen kommen, um dieses vielleicht größte Baudenkmal der Menschheit zu besichtigen, während die anderen Khmer möchten, daß keiner kommt, damit Kambodscha wieder ungestört in den Steinzeit-Kommunismus zurücksinken kann.

Das Empfangskomitee auf dem Flughafen gehört zur gastfreundlichen Seite, lediglich der Anführer der Polizeitruppe wirkt mit seiner Porsche-Sonnenbrille und seinem Borsalino wie ein Versprengter aus „Apocalypse now“. Auf den vierzehn Kilometern bis Angkor läßt der Touristenführer siebzehnmal den Namen Pol Pot fallen – selbst in den Scherzen ist noch die Angst vor dem Tyrannen zu spüren. Unter den zwei Millionen Kambodschanern, die seine vierjährige Herrschaft nicht überlebten, sind auch 34 der ehemals 36 archäologischen Führer durch die Ruinen der Dschungelstadt.

Bis 1970 kamen täglich 150 Touristen aus aller Welt, um die versunkene Metropole neu zu entdecken. Als General Lon Nol mit Hilfe der Amerikaner den Prinzen Sihanouk stürzte, bildete dieser zusammen mit den Roten Khmer eine Widerstandsbewegung, die bald große Teile des Landes beherrschte, darunter auch den Nordwesten Kambodschas. Über den Trümmern Angkors wehte die rote Fahne Pol Pots. Die Archäologen und ihre 800 Helfer wurden verjagt, das Air-France-Hotel vor dem Westtor Angkor Vats Stein für Stein abgetragen. Der Kreuzzug gegen alles Ausländische und die eigene Kultur begann. 1975 eroberte Pol Pot die Hauptstadt Phnom Penh, 1979 entmachteten ihn vietnamesische Truppen, doch erst jetzt sind die Provinzen um Angkor soweit von den Roten Khmer befreit, daß die Regierung Touristen zu den Ruinen läßt. Nur noch in den Grenzbezirken zu Thailand seien Guerillaverbände, versichert unser Khmer-Führer, und die würden von den Vietnamesen in Schach gehalten. „Meinen Sie, wir würden Touristen ins Land holen, wenn die Gefahr bestünde, uns vor aller Welt zu blamieren?“

Vier bis fünf Gruppen kommen nun pro Monat, meist Japaner. Und am Westtor von Angkor Vat haben Archäologen aus Indien die Restauration wieder aufgenommen, versuchen nun, die verlorenen 17 Jahre aufzuholen. Denn in jedem Jahr verschlingt der Dschungel ein Stück von der Stadt. Zweimal schon schien der Urwald endgültig gesiegt zu haben, im 13. und im 16. Jahrhundert. Doch jedesmal kamen die Khmer zurück.