Wenn man dem vollmundigen Klappentext des Werkes glauben darf, dann ist die Photoreportage „Berlin“ von Stephane Duroy (Scheuble & Baumgartner Verlag, Berlin 1986; 64 Mark) das Ergebnis einer siebenjährigen Arbeit. Eine stattliche Schaffenszeit, die Duroy offenbar vor allem in Kreuzberg, auf Friedhöfen, längs der Mauer und im Gefahrenbereich von Planierraupen verbracht hat. Sein Sujet ist vor allem das Berlin im fahlen Licht eines Novembertages, wenn der Reichstag im Nebel liegt und die Hinterhöfe noch dunkler sind als an den anderen Tagen im Jahr. Die Menschen, auf die Duroy während seiner Arbeit traf, fügen sich nahtlos ein in das Bild dieser Tristesse. Ernste Gesichter, starre Blicke, irgendwann vor langer Zeit, so möchte man glauben, haben die Berliner in seltener Einmütigkeit mit dem Lächeln Schluß gemacht. Eine ähnliche Reaktion könnte übrigens auch die Lektüre der beigefügten Texte von Evelyn Holst nahelegen, die das Buch mit griffiger Prosa bereichert hat. „Berlin“, so zitiert sie einen Kollegen aus dem Berliner Stern-Büro, „das sind die alten Frauen in Kreuzberg und Schöneberg, die vormittags ihre dicken Köter vor die Tür lassen. Während Frauchen in der Tür stehen bleibt, setzt der Hund drei Schritte weiter seine dicken Haufen.“ In erfreulich knappen Thesen („Nirgendwo gibt es so viele stockschwingende Greise, die Kinder von den Grünflächen jagen“) wird das Wissen des Insiders weitergegeben und das Ergebnis harter Recherche vor Ort vermittelt. Von dem Verkäufer am Kiosk Potsdamer Platz begehrte die Autorin zu wissen, ob ihn die Umgebung frustriere? Aber dieser unbotmäßige Mensch antwortete so ganz anders als erhofft: „Watt’n für ’ne Umgebung? Mich frustriert hier nur eins: daß alle Leute, die Postkarten kaufen, immer fragen: „Haben Sie auch Briefmarken dazu?’ Ich habe keine Briefmarken. Das muß ich hundertmal am Tag sagen.“ hbk