Von Wolfgang Boller

Kein Ober oder Maître gar, auch nicht der kleinste, grüne Aushilfskellner zuckte mit der Wimper, ließe erkennen, daß er Grund zur Mißbilligung hätte. Keiner wäre peinlich berührt oder auch nur im mindesten überrascht, wenn ein Gast am frühen Morgen statt Milchkaffee und Brioches Champagner bestellte mit getrüffelter Gänseleberpastete und Kaviarhäppchen. Gott in Frankreich läßt derlei Indizien ausschweifender Lebensart als selbstverständlich erscheinen. Für den Herzog von Talleyrand war Champagner schlechthin der „Wein der Zivilisation“, und Ronsard, der große Pierre de Ronsard, hatte jeden einen Dummkopf genannt, „der den Magen mit anderem als Wein wäscht“.

In den legendären bürgerlichen Gourmetrestaurants einer Stadt wie Reims ist das Champagnerfrühstück so alltäglich wie in München drei Stück Weißwurst mit Brezeln und Bier vor dem Zwölfuhrläuten. Die Champenois haben dafür einen festen Begriff. Sie sagen: Mächon Champenois. Das ist ein Büffet mit kaltem Braten und Lachs, in Teig gebackenem Schinken, Käsepasteten und Reimser Löffelbiskuits und mit Champagner aus Kellern, deren Namen in aller Welt das Herz der Genießer höher schlagen lassen: Namen eines Benediktinermönchs, seliger Witwen und eingeheirateter Kellermeister aus Deutschland.

„Verzichten Sie auf das Hotelfrühstück“, raten die Gastgeber ebenso besorgt wie liebenswürdig. „Nehmen Sie nur etwas Kaffee. Und lassen Sie sich Zeit. Sie wissen ja, daß die Uhren in Frankreich anders gehen.“ Wie sollte einer der Vielfalt und den verwirrenden Nuancen des Champagners sonst auf die Spur kommen? Reims ist die Universität einer heiteren Wissenschaft, mit mehr als hundert manchmal sternverzierten Kollegstuben wie den Restaurants „Le Continental“, „La Florence“ und „Le Mercure“. Es gibt 48 Champagnerkellereien, die, ungeachtet ihrer Umsätze, um den Anspruch überlegener Qualität wetteifern: Möet et Chandon beispielsweise mit jährlich 22, Ruinard mit 1,2 Millionen, Krug mit 400 000 Flaschen (ausnahmslos von Hand gerüttelt). Ein Dutzend Firmen arrangiert mehrsprachige Führungen durch die fahlen Unterwelten mit dem Geruch nach Gärung, Faßholz und Wein. Die kalkbleichen Korridore verlaufen kilometerweit unter der Stadt, verzweigt wie Geflechte unterirdischer Adern (allein Pommery: 20 Kilometer) und hoch wie Dome mit mattem Tageslicht in der Kuppel (Joseph Perrier). Reims ist die Hauptstadt des Champagners. Im Zeichen des geheiligten Champagnerdreiecks zwischen Reims, Epernay und Châlons-sur-Marne ist Reims ein Fixstern erster Ordnung. Sein Glanz strahlt weit über das Land.

Das Hirtenmädchen Jeanne d’Arc versprach in der Fassung Schillers:. „... Und Reims befrein und deinen König krönen.“ Sie steht in heroischer Haltung als Bronzebild auf der Place du Cardinal Luçon und blickt unverwandt zur Kathedrale hinüber, dem Schauplatz ihres Triumphs: Am 17. Juli 1429 empfing Karl VII. die Weihen zum König von Frankreich. Fremdenführer zeigen Johannas Ehrenplatz auf der Evangelienseite der Apsis. Reims ist die Krönungsstadt der französischen Könige. Von Heinrich I. (1027) bis zu Karl X. (1825) wurden hier fast alle Herrscher Frankreichs mit dem heiligen Öl gesalbt, das eine Taube bei der Taufe Chlodwigs vom Himmel auf die Erde brachte: ein Sakrament der Treue zu Gott und dem französischen Volk. König Chlodwig aus dem Hause der Merowinger war der Gründer des fränkischen Einheitsreiches vom Rhein bis zur Garonne, ein Ahnherr des Abendlands, für das Frankreich so viel getan hat.

Ruhmes genug: Reims ist ein Inbegriff der historischen Übereinstimmung von französischer Staatsräson und religiöser Moral, ein Versammlungsort der Helden und Heiligen, Symbol der nationalen Einigung. Die Kathedrale ist der mystische Mittelpunkt des Reiches. Das Lächeln der Engel in den Portalen der Westfassade ist das Lächeln Frankreichs, und so hieß es auch, als das Wunderwerk der Hochgotik zu Beginn des Ersten Weltkriegs unter einem Hagel von Bomben und Granaten in Schutt und Asche versank, der Engel im Nordportal geköpft und in 24 Stücke zerschlagen wurde: Sie haben das Lächeln von Frankreich zerstört.

Das Licht der Champagne und der Duft der Weinkeller durchfluten die Stadt, die, wie auf einem Palimpsest, neue Zeilen über beständig durchschimmernde alte schreibt. Banales über Erhabenes, Profanes über Heiliges. Ihre Reliquien hortet sie in den Museen: vom Talisman Karls des Großen bis zum Königsmantel Karls X. Reims huldigt der Vergangenheit, wie es seine Gegenwart feiert. Die Champagnerfenster im südlichen Querschiff der Kathedrale zeigen den Benediktinermönch Dom Perignon und die Hebräer mit der Weintraube aus dem Gelobten Land, Kelter und Weinlese, Winzer und Kellermeister. Dieses Reims ist auch eine Provinzstadt wie andere, die vom Wein und etwas Kleinindustrie leben und die wie andere den Traum der Größe in originaler Kulisse als Spektakel mit Tonkonserven und Scheinwerferbeleuchtung vermarktet. Vielleicht ist Reims lebenslustiger als vergleichbare französische Städte, beschwingt von der Allgegenwart des Champagners. Aber mit der Kathedrale im Rücken führt der Weg auch nur zu einer Place Royale mit dem Denkmal Ludwigs XV. in antiken Gewändern und zur Place du Forum mit unterirdischen Säulenhallen aus der Römerzeit. Das grandiose Ensemble lockt jährlich eine Million Besucher an, die in Champagnerfrühstücken schwelgen und dem Nimbus von Reims verfallen sind oder daran blindlings glauben.