Von Cora Stephan

Sagen wir lieber gleich, wovon die Debatte und dieser Beitrag dazu nicht handeln: von einem Virus, HIV genannt, von dessen Attacken aufs menschliche Immunsystem, von den bisher bekannten Folgen dieser Attacken, von den Infizierten, Kranken, Toten, von Zahlen und Prognosen.

Das Gerede, das unter dem Namen „Aids“ derzeit wieder mit einer Frische anhebt, als ob es nicht vor zwei, drei Jahren bereits ad abusum geführt worden wäre, hat auf fast zynische Weise nichts zu tun mit einem Virus und den Folgen. Es bezieht sich offen oder unterschwellig rein auf eine von mehreren Möglichkeiten, diesen Virus zu übertragen: auf (Hetero-)Sexualität.

Mag sein, daß in diesem Diskurs sogar etwas zu erfahren oder gar zu bewegen sein könnte. Aber eines zeichnet sich schon jetzt ab: Sexualität hat sich weniger der Attacken des Virus zu erwehren, als derer von „Aids“ – des Geredes darüber.

Dessen befleißigen sich ja keineswegs nur jene, denen man gesunde Interessiertheit an einträglichen Nebeneffekten unterstellen kann: Politiker, die sich als beherzt ausmerzende starke Hand profilieren können, Scharen von Journalisten, denen die unendliche Geschichte in den Schoß gefallen ist, Zölibatäre, die ein starkes Argument für ihre Kirche gefunden zu haben glauben, Latex-Aktionäre, die endlich selbstbewußt lächeln können, und allerhand Neurotiker, die jetzt wieder laut „Alle einsperren!“ schreien dürfen.

Im Gegenteil: Neurotiker und bayerische Narren nehmen im öffentlichen Diskurs die Rolle des Buhmanns ein, des nötigen Bezugspunktes für ein ungleich realistischeres und womöglich drastischeres Unternehmen: die Veränderung der Sexualität durch ihre Rettung.

Diese Aktion findet beherzte Helfer in allen Teilen der Gesellschaft. Da schwärmen Menschen von der „schönsten Sache der Welt“, denen man ein Geschlechtsteil gar nicht zugetraut hätte, wägen sonst zartbesaitete Seelen die Vorzüge und Nachteile des Analverkehrs ab, raten besorgte Eltern ungefragt ihren Kindern, sich ja nicht den Spaß am Sex verderben zu lassen. Einen solchen hemmungslosen, ja fiebernden Diskurs können weder der Freistaat Bayern noch die katholische Kirche ernsthaft gefährden. Die Panikmacher auf konservativer Seite bieten lediglich den bequemen Anknüpfungspunkt für demonstrative Beschwörung von Toleranz und Liberalität.