Die fünfte Rauschgiftwelle überschwemmt den Markt mit synthetischen Drogen

Von Konrad W. Watrin

An öffentlichen Plätzen und in Straßencafes wird munter geschnupft und immer raffinierter gekifft, Seit die Aids-Angst umgeht, wird weniger gespritzt, auch wenn der häufigste Rauschgifttod immer noch aus der Nadel kommt. Zunehmend wird nun „geladen“ – fit machen statt betäuben. Neben die klassischen importierten Naturdrogen wie Marihuana und Haschisch sowie die bekannten halbsynthetischen Stoffe wie LSD, Heroin oder Kokain treten neue synthetische Suchtmittel bis zum reinen Retortenrauschgift: von der „Ladung“ – der Tablettenmixtur aus Schlafmittel und dem Psychotonikum Captagon etwa – über den Mix aus Medikamenten, Alkohol plus Rauschgift zum „American Cocktail“ bis zum künstlich hergestellten Kokain und Heroin. Die Szene hat ihr Gesicht gewandelt.

Im Hinterzimmer ein Labor

Das neue Gift kreist mit so kuriosen Namen wie Adam + Eve, Cosmic Space oder Angel Dust. Es wird angepriesen als XTC (statt Extacy), Peace Pill oder gar the world’s finest heroin. Seit der Erfindung von Crock in Amerika (einer Abwandlung aus Kokain), das sich hierzulande bisher nicht durchsetzte, sind diese in ihrer Wirkung häufig unberechenbaren Mittel im Kommen.

Von einer völlig neuen Dimension des Drogenproblems ist im Stuttgarter Innenministerium die Rede. „Wir sind am Anfang einer qualitativ und strukturell neuen Entwicklung“, urteilt Klaus Mellenthin, Chef der Rauschgiftabteilung im Landeskriminalamt Baden-Württemberg. Seit Oktober 1986 gibt es dort ein Sonderdezernat Synthetische Drogen, das erste seiner Art in Europa. Zusammen mit dem Pharmakologischen Institut an der Universität Tübingen förderten die bislang sechs Beamten bereits erstaunliche Erkenntnisse über den schwer übersehbaren Wandel zutage. Nach Hasch und LSD in den sechziger Jahren, nach Heroin und dem vor zehn Jahren schicken Kokain steht Europa nunmehr vor der „fünften Rauschgiftwelle“, befürchtet der Kriminaldirektor.

Die größten Sorgen bereiten den Fahndern derzeit Präparate mit dem Aufputschmittel Amphetamin. Im vergangenen Jahr tauchten bundesweit allein 80 solcher Ausweichmittel auf. Kaum weniger gefährlich sind die sogenannten Designer-Drogen, hochpotente Suchtstoffe aus frei erhältlichen Arzneimitteln. In erster Linie bestehen sie aus morphinähnlichen Substanzen, die sogar die Parkinsonsche Krankheit hervorrufen können; ferner sind es Aufputscher mit halluzinogener Wirkung – neben Adam + Eve auch MDA oder MDE – und sogar Tiernarkosemittel wie Angel Dust oder die Peace Pill. Mellenthin: „Reines Selbstmördergift, wie sich selbst in der Szene rumgesprochen hat.“ Als dritte Hauptgruppe taucht das Retortengift auf. Im Oktober 1986 gelang in Essen der Versuch, künstliches Kokain herzustellen. Andere Versuche mit Heroin oder LSD wurden ebenfalls bekannt.