Es war im letzten Juni, im Goethe-Institut in Turin, der Stadt Nietzsches und Paveses, der Hauptstadt des Piemont, dem Preußen Italiens. Italienische und deutsche Schriftsteller diskutierten über die „Wiederkehr des Mythos“, über die Fortführung einer mythischen Struktur in den immer wieder neu anhebenden Erzählungen über den Anfang und das mögliche Ende des Menschen und seiner Welt. Es wurde über die Apokalypse gestritten, „post-modern“ und „neostrukturalistisch“, aber nach zwei Tagen wurde immer deutlicher, daß wir eine Dimension in unserer intellektuellen Debatte nicht behandeln konnten: die Dimension der Erfahrung.

Es fehlte einer, der Antwort hätte geben können: Primo Levi. Er wohnte nebenan, fünf Minuten entfernt, in einem Haus, aus dessen dritten Stockwerk er sich jetzt gestürzt hat. Die Nachricht von seinem Tod ist zu entsetzlich und bei aller Glaubwürdigkeit zu schockierend, um sie jetzt schon interpretieren zu können. Und sie wird noch entsetzlicher, wenn ich mir die Begegnung vergegenwärtige, die kurz vor dem Ende des Symposions doch noch stattfand, im Kopier-Raum des Goethe-Instituts.

Da saß der Übersetzerin Barbara Kleiner und mir ein schmalgliedriger, unerhört lebendiger Herr im reißen Hemd mit aufgekrempelten Ärmeln gegenüber, der sich sichtlich freute, daß seine Bücher in Amerika und Deutschland gelesen wurden, der von neuen Plänen erzählte, die plötzlich möglich waren: als hätte er erst jetzt seine Zuhörer gefunden, mehr als vierzig Jahre danach, als wäre erst jetzt die Zeit gekommen, die Fäden seiner Geschichte weiterzuspinnen. Wenn ich etwas nicht verstand, erklärte er es mir auf deutsch, daß er in Auschwitz gelernt hatte von denen, die ihn nur deshalb nicht umgebracht haben, weil er ihnen als Chemiker nützlich war. Er war für die Gaskammer vorbereitet. Er wußte, daß er in dem Moment, wo er ihnen nicht mehr nützlich sein konnte, umgebracht werden würde.

„Ist das ein Mensch?“ hieß sein erstes Buch 1947, in dem er über seine Zeit in Auschwitz erzählte, über das grausam enge Verhältnis von Henker und Opfer, über Menschen also. Der Schreibtischmörder und der Kapo, der sich vor den Leuten ekelte, die krank und zerlumpt und verlaust vor ihm anzutreten hatten: beides Menschen. Der Arzt, der sich sein „Material“ heraussucht aus der langen Schlange Wartender vor der Gaskammer: ein Mensch.

Menschen, die sich wie Menschen benehmen – über diese grausige Tatsache ist Primo Levi nicht hinweggekommen, von ihr hat er der „Überlebende“, zeit seines Lebens erzählt. Und während ich ihm an diesem Samstag Nachmittag in Turin zuhörte, sah ich plötzlich die eintätowierte Häftlingsnummer auf seinem Arm. Die kleine blaue Nummer, die man dem 24jährigen Partisan auf den Arm gepreßt hatte, die ihn für immer gezeichnet hat. Eine Erfahrung, die man nicht abkratzen konnte. Ein Zeichen, das allen seinen Büchern eingepreßt war. Diese Nummer hat er erzählend zu erklären versucht: wie sie auf seinen Arm kam, wer sie aus welchen menschlichen Gründen dort angebracht hat. Diese Nummer stand vor meinen Augen, als er mir den Plan einer deutschen Ausgabe seiner Erzählungen erklärte, und ich war ihr am nächsten, als er aufstand und mir die Hand zum Abschied reichte.

Ich war plötzlich drei Kopf größer als er und mußte irgendwie beschämt auf ihn hinabsehen, auf den Schopf weißer Haare, die wie Flämmchen auf seinem Kopf tanzten. Er mußte schleunigst nach Hause, weil seine Mutter schwer krank war. Vom Fenster aus sah ich ihn über die Piazza laufen, schräg, wie ein hüpfender Buchstabe sah er aus, der seinen Platz im Alphabet sucht.

Primo Levi ist tot. Es bleiben seine Bücher: die Autobiographie „Das periodische System“, der Roman „Wann, wenn nicht jetzt?“, die kauzigen Erzählungen, die Essays, die Berichte über Auschwitz – lauter bedeutende Versuche, den Faden der Erzählung trotz allem wieder aufzunehmen und weiter zu spinnen, weil er das einzige Verläßliche des Menschen ist. Michael Krüger

Michael Krüger, 1943 in Wittgendorf, Kreis Zeitz geboren, Lyriker, Erzähler, Essayist, leitet den Hanser Verlag in München, in dem Primo Levis Bücher erscheinen.