Tokio sucht einen Sündenbock für den Konflikt mit Amerika

Von Helmut Becker

Tokio, im April

Susumo Nikaido nimmt bei seiner Kritik jetzt kein Blatt mehr vor den Mund: „Er soll doch endlich seine Fehler eingestehen“, maßregelte der ehemalige Vizepräsident der regierenden Liberaldemokratischen Partei Japans (LDP) jüngst Regierungschef Yasuhiro Nakasone. Wenn Nikaido ganz unjapanisch öffentlich vom Leder zieht, lauscht die LDP aufmerksam. Denn der prominente Parteiführer gilt als Orakel eines noch immer mächtigen politischen Willens in Nippon: des seit zwei Jahren durch einen Schlaganfall am parlamentarisch-politischen Alltagsgeschäft gehinderten Expremiers Kakuei Tanaka. Dessen mächtiger LDP-Flügelgruppe steht Nikaido vor. Gilt der abfällige Orakelspruch dem amtierenden Regierungschef, dann bereitet sich das Inselreich auf einen Machtwechsel vor.

Spätestens seit der Schlappe der Partei bei den Präfekturwahlen am 12. April spürt die LDP von der Parteibasis bis hinauf ins Präsidium instinktiv, daß Nippon nichts dringlicher braucht als einen Prügelknaben. Diese Rolle scheint die stolze Partei, die das Inselreich wie einen für die Ewigkeit gepachteten Erbhof regiert, Partei- und Regierungschef Nakasone zugedacht zu haben. Damit hat sie ausgerechnet jenen Nachkriegspolitiker Japans zum Sündenbock erkoren, dessen internationales Gewicht die Inselbewohner noch vor kurzem mit naiver Genugtuung erfüllte.

Für Nakasone, den Königsmacher Tanaka vor viereinhalb Jahren ins Amt befördert, und der seine Partei im vergangenen Sommer zu ihrem größten Triumph bei Parlamentswahlen geführt hatte, sieht die LDP nun nur noch eine Verwendung. Er soll das gemeinsam verursachte Desaster allein zu verantworten haben. „Bei uns sagt man, der Salamander beißt seinen Schwanz durch, um sich zu retten“, analysiert Politologieprofessor Mäsayuki Fukuoka von der Tokioter Komazawa-Universität die Zählebigkeit der Regierungspartei und ergänzt: „Aber diesmal übt sich die LDP im Abbeißen des Kopfes.“

Tatsächlich fällt die Amputation in eine Phase, wo ein kühler Kopf mehr denn je vonnöten wäre. „Wir befinden uns in der ernstesten nationalen Krise der Nachkriegszeit“, meint Minoru Tada, Lektor für Politikgeschichte an der Chuo-Universität in Tokio und früher Ressortleiter bei der gewiß nicht Nakasone-feindlichen Tageszeitung Yomiuri Shimbun.