Leser sowjetischer Zeitungen fordern, Atomkraftwerke in die Tundra zu verbannen. Der russische Schriftsteller Walentin Rasputin verlangt gar den Ausstieg aus der Kernenergie. Auch in der Sowjetunion gibt es Widerstand gegen Atomenergie. Auf den Seiten 37 bis 40 schreiben Marianna Butenschön, Wolfgang Hoffmann, Thomas Hanke und Otto Ulrich über Tschernobyl und die Folgen.

Von Marianna Butenschön

Es ist noch nicht allzulange her, da überschütteten sowjetische Zeitungen das litauische Kernkraftwerk Ignalina geradezu mit Lob. Der seit Beginn der siebziger Jahre achtzig Kilometer örtlich von Vilnius in Bau befindliche und auf 6000 Megawatt ausgelegte Reaktorkomplex galt der Sowjetskaja Litwa als „Symbol der Völkerfreundschaft unserer multinationalen Heimat“ – weil Angehörige von 42 Völkern der Sowjetunion daran bauen.

„Die Kernenergie der Welt kennt einen solchen Riesen noch nicht“, jubelte die Moskauer Prawda, als der erste Reaktor 1983 ans Netz ging. Seine Kapazität und die der drei anderen geplanten Reaktoren beträgt 1500 Megawatt. „Nur in der brüderlichen Einheit der Völker der UdSSR war eine solche Errungenschaft möglich“, befand die Parteizeitung.

Die Litauer waren freilich weniger begeistert. In der Bevölkerung habe es Ängste gegeben, so sagte im Spätsommer 1982 ein Offizieller der ständigen „Ausstellung der Errungenschaften der Volkswirtschaft“ in Vilnius, aber die hätten in zahlreichen Einzelgesprächen ausgeräumt werden können.

Bevor Ende 1986 der zweite Reaktor den Versuchsbetrieb aufnahm, schlugen Experten der schwedischen Kernenergiegesellschaft Vattenfall Alarm: Der ursprünglich nur für tausend Megawatt berechnete, aber auf 1500 Megawatt umgerüstete Reaktor sei wegen des Risikos der Überlastung gefährlicher als der Unglücksreaktor in Tschernobyl.

Vor zwei Wochen teilte Jewgenij Larin, Beamter im neugegründeten Moskauer Ministerium für Kernenergie, der schwedischen Zeitung Uppsala Nya Tidning mit, daß das Werk Ignalina „aus Wirtschaftlichkeitsgründen“ und weil das Graphit ein zu großes Brandrisiko berge, nicht auf die eigentlich geplanten vier Blöcke ausgebaut werden soll.