Diese Nachricht sorgte nicht nur in Schweden für Erleichterung, sondern auch bei den Esten, die ihre Informationen aus dem finnischen Fernsehen beziehen und deshalb ziemlich genau wissen, was in Tschernobyl und danach passiert ist. Estland habe Glück gehabt, sagt ein estnischer Minister, und weniger Radioaktivität abbekommen als Finnland, Schweden oder die Bundesrepublik. Auf die Zusatzfrage, ob der Unfall in Tschernobyl denn eine Kernkraftdiskussion in dieser baltischen Unionsrepublik ausgelöst habe, weil Estland doch zwischen dem großen Lenin-Werk bei Leningrad und Ignalina liege, sagte der Minister, der Abstand sei „zum Glück“ ziemlich groß. Ursprünglich sei ja auch Estland als Standort für das Werk Ignalina vorgesehen gewesen: „Aber dazu ist es glücklicherweise nicht gekommen, und darüber freut sich unser Volk.“

Die Skepsis gegenüber der Kernenergie war im Baltikum, der westlichsten Ecke der Sowjetunion, schon vor Tschernobyl verbreitet gewesen, sie dürfte sich nach dem Unglück noch verstärkt haben, weil besonders viele Reservisten der Sowjetarmee aus Estland, Lettland und Litauen zu Entseuchungsarbeiten in die Sperrzone um das Atomkraftwerk Tschernobyl geschickt wurden.

Aber auch in anderen Randgebieten der Sowjetunion, so in der kaukasischen Unionsrepublik Armenien, war die Bevölkerung beunruhigt. Die Armenier betreiben zwanzig Kilometer westlich von Jerewan im Ararat-Tal das Kernkraftwerk Mezamor, wo 1976 der erste Druckwasserreaktor vom Typ WWER-440 ans Netz ging und im laufenden zwölften Fünfjahresplan (1986-1990) mit dem Bau eines zweiten Blocks begonnen werden sollte.

Doch im März 1986, wenige Wochen vor der Katastrophe in der Ukraine, wiesen 350 armenische Intellektuelle in einem Brief an Parteichef Michail Gorbatschow auf 150 Störfälle in Mezamor hin. Dreimal sei es dort beinahe zu einer Katastrophe gekommen. Deshalb dürfe ein zweiter Block nicht gebaut werden. Der Bau eines Kernkraftwerks in dieser dichtbevölkerten, von Erdbeben und Vulkanausbrüchen bedrohten Region, sei, so schrieben die Armenier nach Moskau, „ein Präzedenzfall in der internationalen Geschichte der Nutzung der Kernenergie und ... ein Verbrechen am armenischen Volk“.

Die Befürchtungen waren womöglich berechtigt. Auf dem jüngsten ZK-Plenum der armenischen KP Mitte März kündigte KP-Chef Karen Demirtschjan weitere „kardinale Maßnahmen“ zur Erhöhung der Sicherheit in Mezamor an. Die Arbeiten am zweiten Block aber sind, so war Demirtschjans Rechenschaftsbericht zu entnehmen, eingestellt worden.

Zweifel gab es auch im benachbarten Georgien. Dort konstatierte der Schriftsteller Giorgij Tsitsischwili schon im Februar 1981 im KP-Blatt Kommunisti eine „weit verbreitete negative Haltung“ gegenüber der Kernenergie. Dabei handele es sich aber um „abergläubische Ängste“, da selbst viel kleinere Länder als Georgien Kernkraftwerke betrieben, „die so sicher sind, daß sie sogar mitten in großen Städten gebaut werden“. Derlei Ängste seien daher „vollkommen ungerechtfertigt“. Trotzdem fragte noch zwei Jahre später in einer Karikatur des Kommunisti ein Bauer einen anderen Landwirt: „Sag mir, wenn sie ein Kernkraftwerk bauen, schadet das der Weinernte?“

Der georgischen Atomlobby gelang es, im April 1984 Vorarbeiten für Standortstudien in die Wege zu leiten. Im laufenden Fünfjahresplan sollte mit dem Bau begonnen werden, aber in jüngster Zeit ist nur noch von der Nutzung der georgischen Wasserkraftreserven die Rede.