Von Carl D. Goerdeler

Nicht Salamis und Schinken hingen von der Decke, sondern unzählige Bandagen, Krücken, Köpfe, Hände und Prothesen, die nach mir zu greifen schienen. Die Wände des Raumes waren vom Plattenboden bis zum Deckengewölbe mit Papierzetteln bepflastert, so daß es in der Dunkelheit aussah, als hänge die Tapete in Fetzen herunter. In den Ecken des düsteren Gemäuers standen Holzbeine und Gehgerüste, waren Perücken und Porträtbilder, Korsettagen und Plastikblumen zu Müllhaufen geschichtet.

Befand ich mich in einer Folter- oder Rumpelkammer?

Mein Blick fiel auf einen der vielen Zettel, mit denen die Wände bedeckt waren. Es war ein Fetzen liniertes Papier, wie aus einem Schulheft gerissen. Ein Photo klebte darauf und zeigte eine Mumie in Mullbinden. Ungelenk war darunter geschrieben: „Gelobt sei Jesus Christus! Gott hat mich durch ein Wunder gerettet! Ich war bereits tot, als die Engel mich vom Motorradunfall ins Leben zurückholten. Ich, José da Silva, bekenne hiermit das Wunder, das an mir vollbracht wurde.“

Die Kammer der Klosterkirche „Nossa Senhora da Penha“ beherbergt die Offenbarungen und Gelübde des Volkes; Dokumente von Blitzschlägen, Unfällen, Krankheiten und Katastrophen, die durch Gottes und der Heiligen Hilfe abgewendet werden konnten. Nur nach einem einzigen Wunder wird man unter den Votivtafeln der Klöster und Kirchen Brasiliens vergeblich suchen: dem der Speisung der Zehntausend. An Hunger zu sterben wird im Nordosten des Landes als natürlich angesehen. Im Armenhaus des großen Landes vegetieren Millionen Menschen zwischen Leben und Tod, sterben fünf von hundert Babys wegen mangelnder Ernährung bereits in den ersten Tagen ihres irdischen Daseins. Es sind Millionen Menschen, denen nichts gehört außer dem Himmel.

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Fünfzehn Stunden auf der Ladefläche eines klapprigen Lkw lagen hinter ihnen. José und Maria und ihr jüngstes Kind hatten mit vierzig anderen aus ihrem Dorf in der Nähe von Maceio eine Pilgerfahrt zu Padre Cicero nach Juazeiro do Norte unternommen. 600 km Schlaglochstrecke und Staubpiste mußten sie erdulden. Nun waren sie am Ort der Verheißung, der Stadt des padim, ihres Padre Ciço, angekommen. Ein Farbdruck des Gottesmannes, des 1844 geborenen und von der Kirche nur schweren Herzens geduldeten holzköpfigen Provinzpriesters, der 1934 als Volksheiliger verstarb, war an der Fahrerkabine des Lkw befestigt und mit Plastikrosen umkränzt. Die Pilger hatten sich auf der Pritsche des Lasters häuslich eingerichtet. Auf kleinen Holzkohlefeuern bereitete man sich Bohnen und Reis, und des nachts würde man zwischen den Holzbalken und -bänken die Hängematten verknoten. José und Maria hatten ein Gelübde zu erfüllen, das ihr jüngstes und siebtes Kind betraf, das durch die Anrufung des heiligen Padre Cicero von schwerer Krankheit genesen war.