Ein Drittel aller neugegründeten Firmen werden von Unternehmerinnen geführt

Heike Leitner reichte es. Sie mußte seit geraumer Zeit mitansehen, wie in der Firma ein Kollege nach dem anderen an ihr vorbeizog. Ihre Arbeit aber, so empfand sie, „wurde nie richtig gewürdigt“. Die Mathematikerin zog die Konsequenzen: Sie gab ihren gutdotierten Job in dem software-Unternehmen in Hannover auf und machte sich selbständig. Mit ihrem Fachwissen und viel Mut gründete sie die Nortech Mess System GmbH, ein Unternehmen der Meß- und Regeltechnik. Heute, ein knappes Jahr später, verdient die Jungunternehmerin die Hälfte ihres früheren Gehaltes für die doppelte Arbeitszeit – und ist damit zufrieden.

Mit ihrem Entschluß steht die Hannoveranerin nicht allein. Immer mehr Frauen wagen den Sprung in die Selbständigkeit. War 1975 gerade mal jeder zehnte Existenzgründer weiblich, so wird heute bereits jedes dritte Unternehmen von einer Frau gegründet. Die Kölner Vereinigung von Unternehmerinnen schätzt, daß schon ein Fünftel der rund 3,2 Millionen Firmen in der Bundesrepublik von weiblicher Hand geführt werden. Und es. sind andere Frauen als die typische Unternehmerin der Vergangenheit: Früher war es die Erbin, die durch den Tod von Vater oder Ehemann notgedrungen die Firma übernahm. Heute bauen die Frauen eigene Existenzen auf, weil sie ihre Ideen durchsetzen wollen und es satt haben, im Betrieb auf verlorenem Posten zu stehen.

So auch Susanne Müller-Zantop. Die Münchnerin verzichtete nach Studium und einem gelungenem Start beim Computerkonzern IBM in München bewußt auf die Karriere, weil sie die Widrigkeiten der Managerlaufbahn abschreckten. Statt dessen machte sie ihren Traum wahr und gründete zusammen mit einer Partnerin die „Projekt Communication GmbH“ – eine Unternehmensberatung, die den Anwendern der neuen Technik die komplizierte Materie nahebringt. Und der Laden läuft: Mittlerweile konnten die beiden Geschäftspartnerinnen, wie sie sagen, sogar ihre Partner miternähren.

Mit der steigenden Zahl der von Frauen geführten Unternehmen sind die Existenzgründerinnen ins wirtschaftliche Interesse gerückt. Während sie noch vor einiger Zeit große Schwierigkeiten hatten, ihre Pläne durchzusetzen, finden sie heute bei Politikern und Banken offene Ohren. So sieht Elmar Pieroth, Berliner Senator für Wirtschaft und Arbeit, es als wichtige wirtschaftspolitische Aufgabe an, die unternehmerischen Aktivitäten von Frauen zu unterstützen. Die Einsicht kommt nicht von ungefähr: Eine von ihm in Auftrag gegebene Untersuchung über die Schwierigkeiten bei Existenzgründungen von Frauen ergab, daß die befragten Berliner Unternehmerinnen außer ihrem eigenen durchschnittlich sechs neue Arbeitsplätze geschaffen haben – ein nicht zu vernachlässigender arbeitsmarktpolitischer Faktor. Pieroth: „Langfristig kann unsere Marktwirtschaft auf die unternehmerische Initiative von Frauen nicht verzichten.“

Veranstalter wie das Rationalisierungskuratorium der Wirtschaft oder auch die Stadtsparkasse in Hannover bieten mittlerweile Existenzgründungsseminare bis hin zum Führungstraining speziell für das weibliche Geschlecht an. Hilfe hat die Gründerin auch nötig. Im Gegensatz zum Mann ist sie in ihrer Erziehung in den seltensten Fällen auf Führungsaufgaben vorbereitet worden – das Berufsziel „Unternehmerin“ kommt im allgemeinen in den Lebensplänen der Frauen nicht vor. Wie die Berliner Untersuchung über Schwierigkeiten der Existenzgründerinnen zeigt, entscheiden sich Frauen oft aus einer veränderten familiären Situation heraus relativ kurzfristig zum eigenen Unternehmen. Folge: Die Betroffenen stehen plötzlich vor Schwierigkeiten, mit denen sie nicht gerechnet haben.

So auch Heike Leitner, Geschäftsführerin der Nortech Meß- und Regeltechnik. Die Gründerin hätte nie geglaubt, jemals Probleme mit ihren Mitarbeitern zu bekommen – wollte sie doch von vornherein eher kameradschaftlich mit ihren Angestellten umgehen und auf jegliche Hierarchie verzichten. Da die Chefin sich jedoch trotzdem durchsetzen mußte, begab sie sich auf schwankenden Boden. „Dadurch sind meine Unsicherheiten voll durchgehauen“, analysiert Heike Leitner im nachhinein.