Schon die berühmten Italienfahrer früheres Jahrhunderte haben einen Bogen um die mittelitalienische Region Marken gemacht. Goethe, Gregorovius oder Graf Yorck wähnten die „idealen“ Landschaften des Südens an ganz anderen Plätzen. Pilgern allenfalls waren der Streifen Adria zwischen Pesaro und S. Benedetto del Tronto und sein apenninisches Hinterland ein Begriff: Seit dem 13. Jahrhundert wallfahrten die Wundergläubigen nach Loreto; unter ihnen waren Montaigne und Stendhal, Kotzebue und Seume. Urbino kennen heutzutage vielleicht die Sprachschüler oder die Kunstliebhaber – die übrigen Landstriche der Region Marken fristen bis auf den heutigen Tag ein eher abgeschiedenes Dasein.

Der Verlag DuMont hat sich jetzt darauf besonnen, daß die vergessene Landschaft, die einheimische Kenner wie Piovene „ein Konzentrat Italiens“ nennen, noch immer „das Gesicht Arkadiens trägt“. Der Kunst-Reiseführer von Rogei Willemsen: Die Marken. Eine adriatische Kulturlandschaft; Köln 1987; 39,80 Mark, ist jüngst erschienen.

Es nimmt nicht wunder, daß ein Spezialist für Kunstdenkmäler die Marken entdeckt. Klöster, Burgen und Kirchen ohne Zahl, lauter mittelalterliche Kleinode, hocken auf den Hügeln der Marken. Ganze Städtchen, ebenfalls meist malerisch auf Kuppen gebaut, kann man als nahezu intakt gebliebene Denkmäler bewundern. Recanati zum Beispiel, wo Italiens Weltschmerz-Lyriker des 19. Jahrhunderts, Giacomo Leopardi, gelebt und gelitten hat. Oder Cingoli, der „Balkon der Marken“ mit seiner stilreinen Renaissance-Stadtkulisse. Oder Tolentino, Macerata, Fossombrone, um nur ein paar weitere zu nennen. Roger Willemsen, der Autor des Bandes, beschreibt nicht nur die Kulturschätze der Marken, er erzählt auch farbig ihre Geschichte – die sich weitgehend zugetragen hat als Intrige und Kampf zwischen machthungrigen Herrscherfamilien.

Hin und wieder – eine willkommene Atempause zwischen den detail- und kenntnisreichen kunsthistorischen Beschreibungen – überläßt sich der Autor auch den zarten, sanftmütigen Stimmungen der Landschaft, die sich als Sonnenblumen-Teppich wellt, danach in schroffere, felsige Apenninenberge übergeht.

So eignet sich das Buch nicht nur für Studienreisende, sondern auch für jene, die sich grundsätzlich einmal aufmachen wollen, um ein Stück Weitabgewandtheit im Touristen-Mekka Italien zu erkunden. Denn selbst in den erschlossenen Hafenstädten und Badeorten wie Pesaro oder Fano spürt das Buch noch Vergangenes und Verstecktes auf: Die Wunder beginnen gleich hinter den Hotelburgen.

Mit seiner zweiten Italien-Neuerscheinung ist der DuMont Verlag gleich in der Gegend geblieben. Auch Klaus Zimmermanns: Umbrien. Eine Landschaft im Herzen Italiens; Köln 1987; 39,80 Mark, ist jetzt als Kunst-Reiseführer zu haben. Er dürfte so recht nach dem Geschmack der Penibelsten unter den Studienreisenden sein. Fresko für Ölgemälde, Kreuzgang für Kreuzrippengewölbe sind darin die sakralen und profanen Meisterwerke von Gubbio, Perugia, Assisi, Spoleto oder Orvieto im reinsten Kunsthistoriker-Jargon beschrieben und aufgelistet.

Versucht man sich als akademisch nicht einschlägig geschulter Dilettant und Laie in das detailbesessene Kunst-Opus zu vertiefen, so schluckt man schon bald mühsam an der schweren Kost. Es wäre noch hinzunehmen, daß aus Platzgründen lange Passagen der Erläuterung von Quer- und Längsarmen, von Chorapsiden oder Vierungsgewölben sehr, sehr kleingedruckt dastehen. Weniger verzeihlich ist das graphische Chaos, in das die komprimierten Textabschnitte zerflattern.