Ein paar Freunde: vier, fünf Jungs, zwei, drei Mädchen, alle Anfang zwanzig. Sie lieben sich, und sie streiten sich. Sie brennen vor Erwartung, und sie kämpfen um ihre Chancen. Einige von ihnen haben feste Pläne, andere große Träume. Was sie miteinander verbindet, ist ihr Gespür für Musik. Die Ideale ihres Lebens sind nicht von den großen Begriffen geprägt, sondern von den Rhythmen und Gefühlen des Rock ’n’ Roll.

Am Anfang steht die Hoffnung. Das Schöne an der Jugend ist eben nicht, wie noch Hölderlin schrieb, "die Zeit des Schweißes und des Zorns und der Schlaflosigkeit und der Bangigkeit und der Gewitter". Das Schöne an ihr ist die hohe Erwartung, ein Werk zu schaffen, das sie in die Welt und die Welt in sie versetzt. Für die Freunde in Assayas’ Film ist dieses Werk: ihre Rockband zum Erfolg zu führen und die Musik zu spielen, die sie erfüllt.

Diese Utopie ist, wie gesagt, allgegenwärtig, aber sie bleibt unausgesprochen. Es gibt kein Bild davon, nur die Erinnerung daran, ablesbar an einigen Gesten und einigen Blicken zwischen den Freunden. Wenn der Film beginnt, endet die Zeit der hohen Anfänge, der übergoßen Hoffnungen. Und die Jungen stehen plötzlich vor der schmerzhaften Gewißheit, erwachsen werden zu müssen.

In einem Auto auf regennasser Straße: Anne zwischen Yvan und Henri. Mal küßt sie den einen, mal den anderen. So machen sie sich gegenseitig Mut. Kurze Zeit später brechen sie in einen Musikladen ein. Sie wollen für ihre Band neue Instrumente besorgen. Doch sie werden überrascht und bedroht, setzen sich zur Wehr und töten dabei den Inhaber des Geschäfts. Diese Erfahrung verändert sie. Wo gerade noch alles gemeinsam möglich schien, ist plötzlich jeder auf sich selbst gestellt. Im Vertrauen wird der Argwohn, in der Zuneigung die Eifersucht spürbar. Freunde, die sich kaum noch sehen, werden sich nicht fremd, wie sie es vorher waren, sondern verdächtig. Verweste Liebe ist über die Maßen giftig.

Ein letztes Konzert gelingt den Freunden noch, in Paris. Kurz darauf geht jeder seiner eigenen Wege. Ein geplanter Auftritt in London wird zum Fiasko; nicht einmal die gemeinsame Reise klappt. Das äußere Chaos steht für die innere Befindlichkeit. Der große Traum ist zu Ende. Das Leben diesseits der Utopie brennt nicht, es flackert vor sich hin. Xavier flüchtet zum Militär, Yvan zu einer neuen Frau. Gabriel geht wieder studieren, Henri als Verkäufer in einen Plattenladen. Und Anne unterwirft sich einem Mann, der alles für sie regelt. Jeder sucht seinen Ausweg. Aber niemand findet sein Ziel.

Aufregend an Assaysas’ Film ist nicht allein, wovon erzählt wird – so ernsthaft, so andächtig, so melancholisch. Aufregend ist vor allem die Atmosphäre des Films. Man blickt auf die Leinwand wie durch ein Fenster: als sähe man das Leben selbst – die Widrigkeit der alltäglichen Details wie auch die weiten Linien dieser achtziger Jahre.

"Lebenswut" gehört zu den seltenen Filmen, die ungewohnte Klarsicht ausstrahlen. Er ist so erzählt, als wolle er nie das letzte Wort aussprechen, als solle seine Geschichte fließen, ohne vom Ende her einen eindeutigen Sinn zu erhalten. Assayas’ Film ist offen für Assoziationen, für Träume und Gefühle. Alles, was sich ereignet, ist deutlich voneinander abgesetzt. Kein Geschehen überdeckt das andere. Jedes Ereignis ist nur ein weiteres, das nächste einer Serie, nicht das abschließende einer Idee oder eines Themas.