Vor einem Jahr, in den frühen Morgenstunden des 26. April 1986, geschah in der fernen Ukraine ein Unglück, das viele Wissenschaftler und Politiker fast für unmöglich gehalten hatten; allenfalls ein Restrisiko wollten sie kennen, beinahe zu vernachlässigen – eine Gefahr mithin, die der verantwortlichen Nutzung der Kernenergie nicht im Wege stehen dürfe. Seit einem Jahr ist „Tschernobyl“ für alle Welt zur Chiffre für Ängste und zum Codewort für die vielfältigen Folgen der radioaktiven Wolke geworden, die wir entweder schon kennen oder mit einer höheren Wahrscheinlichkeit, als sie das Restrisiko je bezifferte, für möglich halten müssen.

Tschernobyl hat, so heißt es, das Denken verändert. Ob ein Leck im französischen Super-Brüter oder im elsässischen Fessenheim, ob verheimlichte Nuklear-Störfälle in vielen Ländern oder Pannen beim Transport radioaktiven Materials – jede Meldung verstärkt ein seit zwölf Monaten geschärftes Bewußtsein von den Gefahren, die wir mit der Kernenergie auf uns genommen haben.

Etwas ist ins Rutschen geraten, der Glaube an die Kunst der Technik, auch das Vertrauen in die unabhängige Vorsorge einer Politik, die zwar Verständnis äußert, aber dabei nicht ändert und nichts ändern will – schließlich steht viel auf dem Spiel, finanziell und politisch. Und vielleicht hat gerade das Wissen, daß Tschernobyl jener Schneeball sein kann, der zur Lawine anwächst, die einzig vernünftige Konsequenz verhindert-die Bereitschaft, in praktischen Sch ritten etwas zu tun, anstatt nur Prinzipien zu verteidigen, dafür oder dagegen.

„Unsere Kraftwerke sind sicher“, verkündeten die einen, „sofort abschalten, umstellen auf Kohle“, plapperten die anderen – ein doppelter Maximalismus, der den Kompromiß ausschloß: die große Lösung Kernkraft hie gegen den großen Ausweg dort – als ob Tschernobyl nicht auch den Zweifel an jeglichen großen Lösungen geweckt hätte. Viele kleine Schritte sind nötig und möglich, um Strom und Kraftwerke zu sparen; viele kleine Schritte, werden sie nur getan, ergeben eine lange Strecke. Aber mühsam sind sie, und politisch schlecht zu verkaufen. Daß ein verändertes Denken sie honorieren könnte, will gerade jenen nicht in den Kopf, die Tschernobyl oft im Munde führen.

Ein Jahr der verpaßten Chancen liegt hinter uns. Das Denken mag sich verändert haben, die Politik ist so unbeweglich geblieben wie eh und je: auf den ersten Blick nicht der gefährlichste Fallout. Aber möglicherweise der folgenreichste. H. B.