Von Karl-Heinz Büschemann

Im Duisburger Klöckner-Konzern herrschte am Gründonnerstag fröhliche Sektlaune. Gerade war Jörg A. Henle, der Chef des Eigentümerclans, vom Oberlandesgericht Duisburg in einem Parteispendenverfahren freigesprochen worden. Doch – wenn die offiziellen Erklärungen des Hauses Klöckner zutreffen – dann platzte völlig überraschend am Abend eine ernüchternde Meldung in die Festtagsstimmung: Es war die Fernsehnachricht, daß die Eisenwerke Gesellschaft Maximilianshütte, kurz Maxhütte, im bayerischen Sulzbach-Rosenberg Konkurs angemeldet habe. Die Klöckner-Werke sind gemeinsam mit der australischen Rohstoffgruppe CRA mehrheitlich an der Maxhütte beteiligt.

Auch Herbert Gienow, Vorstandsvorsitzender der Klöckner-Werke und Aufsichtsratsvorsitzender der Maxhütte, gab sich überrascht. Von seinem Urlaubsort im fernen Malaga teilte Gienow mit, er habe nichts davon gewußt, daß die Maxhütte pleite sei. Den Gang der beiden Maxhütten-Vorstände Joachim Oberländer und Manfred Leiss zum Amberger Amtsgericht wertete Gienow als „unglaublichen und ungehörigen Vorgang“.

Diese Mitteilung ist überraschend. Zum einen, weil Oberländer als Vorsitzender des Krisenunternehmens in der Vergangenheit seine Geschäftspolitik eher im Einklang mit seinem Großgesellschafter trieb. Zum anderen hat Oberländer sofort der Klöckner-Meinung widersprochen. Die Maxhütte legt größten Wert auf die Feststellung, daß dem Hauptgesellschafter Klöckner „die bedrohliche Situation der Maxhütte bis ins einzelne bekannt war“. Die Lage war schlimm: Während der vergangenen Monate hatte die Krisen-Hütte, die rund eine Milliarde Umsatz im Jahr macht, monatlich Verluste in zweistelliger Millionenhöhe eingefahren.

So dürfen sich nun Beteiligte und Nichtbeteiligte darüber den Kopf zerbrechen, ob der Aufsichtsratschef Gienow den Gang zum Konkursrichter tatsächlich abgelehnt hätte, oder ob es wieder einmal ein geschickter Schachzug des in der Stahlindustrie als schlauer Fuchs bekannten Herbert Gienow war, das Unternehmen in die Pleite zu entlassen, ohne selbst mit dem Gang zum Konkursrichter in Zusammenhang gebracht werden zu können. Für die Version, daß Oberländer einen Alleingang machte, spricht möglicherweise die Reaktion der Belegschaft. Der Betriebsrat jedenfalls teilte sofort nach der Konkurseröffnung am Donnerstag mit: „Endlich sind wir aus den Klauen des Klöckner-Konzerns befreit.“ Für Gienows Version spricht ebenfalls, daß das Mutterhaus in Duisburg durch den Konkurs Schaden am Image nehmen wird. Es ist in der deutschen Wirtschaftsgeschichte aber kein Fall bekanntgeworden, in dem ein Aufsichtsratschef nicht gewußt hätte, daß sein Vorstand zum Konkursrichter gehen will.

Möglicherweise aber ist die Maxhütte mit dem Konkurs der Lage etwas näher gekommen, die Gienow nicht unangenehm ist. Denn in den Gesprächen zwischen dem Düsseldorfer Konkursverwalter Heinrich von der Beek und der bayerischen Staatsregierung, die den Weiterbetrieb der Maxhütte ermöglichen sollen, geht es um zweierlei Fragen: Zum einen braucht das schon seit Jahren immer wieder von der Pleite bedrohte Stahlunternehmen im oberpfälzischen Zonenrand eine neue Geldspritze – die Rede ist von 70 bis 75 Millionen Mark, und zwar sofort. Zum anderen geht es um die Frage, ob sich der Freistaat an einer zu gründenden Auffanggesellschaft direkt oder über eine staatseigene Bank indirekt beteiligt. Damit hätte Gienow endlich ein altes Fernziel erreicht, dem sich der bayerische Ministerpräsident Franz Josef Strauß bisher immer widersetzt hat. Und noch heute wehren sich die Fachleute in der Strauß-Administration gegen eine Beteiligung des Freistaats, weil die von modernen italienischen Konkurrenten bedrohte Oberpfälzer Hütte, die hauptsächlich Baustahl erzeugt, mitten in der neuerlichen Stahlkrise keine langfristige Zukunft hat. „Wenn wir versuchen, Unternehmer zu spielen, dann wird das teuer und blutig“, heißt es in München.

So sehr Gienows Pressesprecher Bernd J. Krüger auch den Eindruck erweckt, der Konkursantrag sei dem Klöckner-Chef unangenehm, er sei nicht einmal rechtens zustande gekommen, und man könne daher jederzeit gegen diesen Antrag vorgehen, so wenig wird Klöckner dies tun. Denn nach der Meinung des Amberger Amtsgerichtes ist der Konkursantrag eindeutig rechtens, und zweitens kann ein einmal eröffnetes Konkursverfahren nicht wieder gestoppt werden. Zum dritten ist Gienow das Ergebnis vermutlich durchaus recht. Denn auf diese Weise wird die Krisen-Hütte mit einem Schlag den allergrößten Teil ihrer Schulden in der Größenordnung von siebenhundert Millionen Mark los. Gienow gilt in der Stahlindustrie als hochintelligenter, phantasievoller, aber auch als trickreicher Manager, der für sich in Anspruch nehmen darf, für Klöckner Großes geleistet zu haben. Denn es ist vermutlich nur Gienows Schachzügen zu verdanken, daß die gesamten Klöckner-Werke nicht schon Anfang der achtziger Jahre pleite gingen. Immer wieder ist es dem promovierten Juristen und Wirtschaftsprüfer gelungen, Auswege aus völlig aussichtslosen Lagen zu finden. Unter anderem hielt er sich nicht an die von der EG-Kommission jedem europäischen Stahlunternehmen genau vorgeschriebenen Produktionsmengen und kalkulierte kühl ein, daß er die für dieses Vergehen fälligen hohen Strafgelder niemals würde bezahlen müssen. Gienow behielt recht.