Geschafft! Ich sitze an einem Schreibtisch. Er gehört zwar nicht mir, steht dafür aber in einem Ministerium. Nach Studium und Promotion sowie einem aufwendigen Auswahlverfahren habe ich endlich Gelegenheit, nicht nur theoretisch über Organisation und Bürokratie zu sinnieren, sondern dieselben auch empirisch zu erfahren: Ich bin im Dienst.

Gewisse Zweifel an der Übertragbarkeit angeblich rationaler Planungsverfahren und Ablaufschemata auf die Realität einer obersten Bundesbehörde waren mir schon vor meiner Einstellung gekommen, als mir selbst einen Tag vor Dienstantritt niemand sagen konnte, in welchem Referat des Hauses ich denn nun eingesetzt werde. Als ich mich am nächsten Morgen zum Dienst meldete, ließ sich diese Frage nicht länger ignorieren, denn da stand ich nun, bereit, meine Arbeitskraft zur Verfügung zu stellen.

Es erwies sich, daß leider kein Zimmer und zunächst auch kein Schreibtisch für mich frei waren, so daß ich mit einem Katzentischchen vorliebnehmen mußte. Mein Referatsleiter klärte mich über meinen Aufgabenbereich auf, der Materialverwalter wies mich ein in die Feinheiten der Ausgabemodalitäten sowie den sparsamen und sachgerechten Umgang mit Papier und Bleistift. Den Hinweis, daß ich schon seit über zwei Jahrzehnten mit diesen Materialien umzugehen verstünde, ließ er nicht gelten. Daß ich noch nicht einmal den Unterschied zwischen Kohle- und Durchschlagpapier (nur für letzteres bin ich empfangsberechtigt) kannte und zudem nach Karteikarten, zugehörigem Kasten und einer Schreibmaschine fragte, disqualifizierte mich in seinen Augen vollkommen. Bis heute ist dieser Fehler nicht wiedergutzumachen gewesen. Noch immer bekomme ich den Gebrauch jedes Bürogegenstandes genauestens erklärt, bevor ich den Erhalt quittieren darf.

Entmutigt ließ ich mich auf dem geliehenen Bürostuhl nieder und griff mir eine der Akten, die in einem hohen Stapel der Bearbeitung harrten. Kaum hatte ich mich in den „Vorgang“ vertieft, riß jemand, ohne anzuklopfen, mit Gewalt die Türe auf, schleuderte grußlos ein Bündel Akten auf der nun stark in Schieflage geratenden Stapel und verschwand wieder, noch ehe ich recht begriffen hatte, was geschehen war: es war der Aktenbote. Heute fahre ich nicht mehr schreckhaft hoch, wenn jemand unvermittelt die Tür aufreißt. Nun, da ich weiß, daß die Boten auch bei den höchsten Vorgesetzten und in die intimsten Besprechungen hineinplatzen, respektiere ich dies.

Das schöne große Zimmer, in dem ich provisorisch untergebracht worden war, ist mittlerweile geteilt. Ich sitze nun in einer Kammer von acht Quadratmetern, was genau der Mindestvorschrift der Arbeitsstättenverordnung entspricht, und funktioniere ganz passabel. Jedenfalls bin ich bemüht, den Aktendurchfluß nicht allzusehr zu behindern indem ich dafür sorge, daß der Stapel über dem Schild „Eingänge“ nicht über einen halben Meter hinauswächst. Manchmal denke ich, das alles schon einmal erlebt zu haben. Da ich aber an vorangegangene Lebenszyklen nicht glaube, mag dieses Gefühl der Vertrautheit, das manchmal in mir aufkeimt, an Kafka liegen, dessen Werke ich unvorsichtigerweise einmal gelesen habe. Reinhard Stockmann