ZEIT: Generalsekretär Gorbatschow macht immer wieder neue Abrüstungsvorschläge, von denen einige Sie zu beunruhigen scheinen. Bewegen wir uns im Bereich der westlichen Verteidigung auf einem abschüssigen Gelände?

Jean-Bernard Raimond: Ich bin hinsichtlich der Verteidigung der Sicherheitsinteressen Europas nicht so pessimistisch. Die Amerikaner nähern sich diesen Fragen mit großem Ernst und in enger Abstimmung mit den Europäern. Was Gorbatschow angeht, so stehe ich dem Mann und den innenpolitischen Zielen, die er zu verfolgen scheint, recht positiv gegenüber. Die jüngsten Vorschläge der UdSSR hinsichtlich der Ost-West-Beziehungen sind nicht sehr neu. Ich bin ziemlich erstaunt darüber, daß im Westen nicht nur die öffentliche Meinung, sondern auch offizielle Stellen der Ansicht sind, daß Gorbatschow völlig neue Wege einschlägt und die westlichen Regierungen damit überrascht.

ZEIT: Er hält die öffentliche Meinung damit zumindest in Atem.

Raimond: Die öffentliche Meinung prüft die Vorschläge von Gorbatschow nicht näner. Der Vorschlag eines getrennten Abkommens über die Mittelstreckenraketen vom 28. Februar war nicht neu, sondern lediglich die Rückkehr zu einem Vorschlag, der schon vor Reykjavik im vergangenen Jahr gemacht wurde. Dasselbe trifft auf die Vorschläge von Prag zu. Alle bejubeln sie als Neuigkeit, obgleich sie wortwörtlich in der Erklärung vom 28. Februar enthalten sind – einige Elemente davon sogar in noch älteren Stellungnahmen. Gorbatschow zeigt sehr viel Flexibilität in seinen außenpolitischen Manövern, aber wenig in der Substanz. Gemessen an seinen Vorgängern ist seine beachtliche diplomatische Mobilität allerdings überraschend. Er macht einen Vorschlag, zieht ihn wieder zurück und legt ihn erneut vor, bringt ihn also mehrfach in unterschiedlicher Form ein. Gorbatschow ist zugleich ein gefährlicher Gegner und sehr guter Verhandlungspartner.

ZEIT: Warum ist Frankreich von allen westlichen Ländern am skeptischsten, was die Null-Lösung anbelangt?

Raimond: Frankreich hat die Null-Lösung akzeptiert. Der Staatspräsident hat im übrigen gesagt, daß die Null-Lösung den Interessen Frankreichs und der Erhaltung des Friedens dient. Aber Frankreich hat auch daran erinnert, daß die Allianz den Standpunkt vertritt, daß man sich erst mit den Kurzstreckenraketen zwischen 400 und 1000 Kilometer befassen muß, bevor man die Verhandlungen über die weiter reichenden Mittelstreckenraketen abschließt. Was diese angeht, so glaube ich nicht, daß Frankreich sich besonders zurückhaltend gezeigt hat.

Von Anfang an haben wir die Aufmerksamkeit auf ein Problem gelenkt, das jetzt offenkundig wird: Parallele und gleichzeitige Verhandlungen über die Kurzstreckenraketen könnten eventuell zur Abschaffung aller Nuklearwaffen auf dem europäischen Kontinent führen – mit Ausnahme der französischen und britischen Nuklearwaffen.