Von Matthias Naß

Hamburg, im April

Von seinem Notariat zum Hamburger Rathaus sind es für Henning Voscherau keine hundert Schritte. Und in der Hansestadt fällt keine politische Entscheidung von Bedeutung, bei der der SPD-Fraktionsvorsitzende in der Bürgerschaft nicht ein gewichtiges Wort mitzureden hätte. "Nichts geht ohne ihn", beschreibt ein erfahrener Beobachter den Einfluß des 45 Jahre alten Fraktionschefs. Selbst Bürgermeister Klaus von Dohnanyi gestand ein: "Ich kann ohne Voscherau die Stadt nicht regieren."

Das war vor zwei Jahren, als Voscherau aus Verärgerung über den Senat seinen Rücktritt eingereicht hatte. Im Abschiedsbrief an den Ersten Bürgermeister schrieb er lakonisch: "Den politischen Weg habe ich damit aufgegeben. Schade. Dein Henning." Bürgermeister und Fraktion drängten ihn zu bleiben. Und Voscherau ließ sich nicht lange bitten. Nicht ohne Eitelkeit hatte er schon zuvor einem Reporter gesagt: "Ich habe den Absprung aus der Politik verpaßt."

Heute ist von einem Rückzug aus der Politik keine Rede mehr. Bei der Fährtensuche im Dickicht der "Hamburger Verhältnisse" ist der Spürsinn des fintenreichen Notars unentbehrlich geworden. Voscherau ist der starke Mann der Hamburger SPD. Er hilft dem freischwebenden Bürgermeister bei der geduldigen Suche nach Kompromissen in der Partei und hält ihm in der Fraktion den Rücken frei. Nie versäumt er es, die reibungslose Rollen- und Arbeitsteilung mit Dohnanyi hervorzuheben. Ihm überläßt er stets loyal "die Bühne nach außen": "Der Fraktionsvorsitzende muß sein Licht unter den Scheffel stellen."

Das dürfte Voscherau nicht immer leichtfallen. Denn Zweifel an seiner Güteklasse haben den alerten Aufsteiger mit dem mokanten Lächeln nie beschlichen. Viele Hamburger mutmaßen denn auch, daß es den Sproß einer Schauspielerfamilie, der selbst gern Schauspieler geworden wäre, mittlerweile selbst ins Rampenlicht zieht – daß Voscherau sich anschickt, auf der Hamburger Staatsbühne die Hauptrolle zu spielen.

Die Aussichten dafür sind so ungünstig nicht. Klaus von Dohnanyi hat erklärt, er stehe seiner Partei nur noch zur Verfügung, falls die Neuwahlen am 17. Mai zu einer Alleinregierung der Sozialdemokraten oder zu einem Bündnis mit den Liberalen führen. Wer aber ist der neue Spitzenmann der SPD, wenn es auch für CDU und FDP nicht zur Mehrheit reicht, wenn also die "Hamburger Verhältnisse" fortbestehen? Wer führt dann die Gespräche mit der CDU und der GAL? "Die leben nach dem Prinzip: Wenn es regnet, findet sich schon ein Regenschirm", lautet die lapidare Antwort eines Sozialdemokraten.