Von Annelies Furtmayr-Schuh

Als am Montag, dem 28. April 1986, die Rundfunkstationen erstmals einen Anstieg der Radioaktivität aus Schweden meldeten, dachten die informationsüberfluteten Bundesbürger zunächst an nichts Schlimmes. Schweden liegt schließlich weit weg. In München wiegelte der für kerntechnische Meßprogramme in Bayern zuständige Regierungsdirektor erst mal ab: „Wenn schon nicht ganz falsch, so wird es doch ziemlich übertrieben sein, wie alle Nachrichten auf dem Gebiet.“ Doch bald änderte sich die Wetter- und Strahlenlage: Die radioaktive Wolke driftete nach Polen ab, von dort bewegte sie sich am 29. April auf Deutschland und vor allem auf Bayern zu, bis am 30. April ein Hochdruckgebiet die Luft aus der Ukraine nach Süddeutschland strömen ließ.

Die Detektoren in den verschiedenen Strahlenmeßlabors zeigten hohe Radioaktivitäten an. Aber nach komplizierten Messungen stellte sich bald heraus, daß der überwiegende Anteil der Strahlung von sehr kurzlebigen (zum Beispiel Tellur) und leicht flüchtigen (Edelgase) Radionukliden stammte, die nach drei Tagen weitgehend wieder verschwunden waren. Die radioaktive Wolke enthielt nur geringfügige Mengen der schwerflüchtigen, langlebigen Radionuklide.

Dennoch, am Nachmittag des 30. April wurde die Lage ernster. Vor allem in Südbayern wuschen heftige Gewitterregen nahezu die gesamte Radioaktivität aus der Luft in den Boden. Im Raum München stieg die Bodenstrahlung drastisch an. Auf der Wiese vor den Instituten der Gesellschaft für Strahlen- und Umweltforschung (GSF) in Neuherberg im Norden Münchens zeigten die Meßgeräte statt der üblichen 3000 nun 200 000 Becquerel auf einem Quadratmeter. Dabei stammten 20 000 Becquerel vom Cäsium 137.

In anderen Teilen der Bundesrepublik war die Luftbelastung durch die radioaktive Wolke sehr viel niedriger. Und je nach Wetterlage gelangte mehr oder weniger Fallout auf den Boden (siehe Karte). So liegen gering verseuchte Gebiete in enger Nachbarschaft von stark strahlenden Gegenden, in denen ein örtlich begrenzter Frühlingsregen sehr viel mehr Radioaktivität aus der Luft wusch. Selbst Kiew, etwa hundert Kilometer südlich von Tschernobyl, hat, nach sowjetischen Angaben, wegen der trockenen Wetterlage im Mittel 15 000 Becquerel pro Quadratmeter abbekommen, das wäre weniger radioaktives Cäsium als bestimmte Gebiete Oberbayerns.

Wenngleich der Wind – wie selten in dieser Jahreszeit – aus Ostnordost wehte, und obwohl nahezu die gesamte Radioaktivität über Bayern abregnete, so sind die Auswirkungen geringer als befürchtet. „Die Reaktorkatastrophe in Tschernobyl führte zu einer wesentlich geringeren Strahlenbelastung der Bevölkerung als wir vorausberechnet haben“, sagt Herwig Paretzke vom Institut für Strahlenschutz der GSF. Die relativ geringen gesundheitlichen Auswirkungen verdanken wir jedoch nicht einem guten Katastrophenschutz, sondern einer Reihe glücklicher Umstände.

Starke Niederschläge wuschen zwar am 30. April und 1. Mai die Radioaktivität aus der Luft zu 90 Prozent auf den Boden. Doch durch feine Risse im trockenen Boden gelangte ein Teil bereits in tiefere, abschirmende Schichten. Die Radioaktivität, die am längsten erhalten bleiben wird und von Cäsium-137 stammt, wurde dadurch zum Teil bis zu 25 Zentimeter tief eingewaschen. Zum Vergleich: Das Cäsium aus dem Fallout der Kernwaffenversuche hat sich in den letzten 30 Jahren lediglich bis zu 20 Zentimeter Tiefe im Boden ausgebreitet. Jedoch liegt der überwiegende Teil des Tschernobylcäsiums in den ersten zwei Zentimetern der oberen Bodenschicht. Da Cäsium sich im Ackerboden relativ fest mit Tonmaterialien verbindet, ist es nicht sehr beweglich und wird nur geringfügig von den Pflanzen aufgenommen. Wegen seiner langsamen Ausbreitungsgeschwindigkeit im Boden wird es nicht oder nur in äußerst geringen Spuren das Grundwasser erreichen.