ARD, Karfreitag, 17. April: „Hector Berlioz – Requiem“

Der Auftrag für das Stück stammte vom Innenminister. Der gehörte, erinnert sich der Komponist, „bei uns zu der kleinen Anzahl von Staatsmännern, die sich für Musik interessieren. Seinerzeit entschied sich der Minister, jedes Jahr aus dem Etat der Abteilung für die Schönen Künste dreitausend Francs abzuzweigen für eine Auftragskomposition – zuzüglich Aufführungskosten. Stellen wir uns vor, Friedrich Zimmermann vergäbe jedes Jahr – sagen wir, wertbereinigt und kostendeckend, Dreißigtausend für einen ähnlichen Zweck – zusätzlich wiederum der Aufführungskosten. Wer kriegte den ersten Auftrag?

Damals war des Ministers Wahl auf den vierunddreißigjährigen Hector Berlioz gefallen, allein, eine Verwaltungsebene tiefer kannte ein Abteilungsdirektor sich in der diplomatischen Kunst der „dilatorischen Behandlung“ glänzend aus – beinahe hätte er den Auftrag zu verhindern geschafft. „Hunderte von ‚Kennern‘ versperrten so alle Wege“, erinnert sich der Komponist. Wir überlegen, wie das heute kaum anders aussieht: Helmut Lachenmann und der Südwestfunk, York Höller und die Hamburgische Staatsoper, Wolfgang Rihm bei verschiedenen Gelegenheiten – da fand sich immer ein kluges Köpfchen, das einen Weg versperrte.

Als das Stück längst uraufgeführt war, durfte der Komponist noch wochenlang hinter seinen drei- und den für die Durchführung des Konzertes notwendigen zehntausend Francs herlaufen – wie heute in der Devisenabteilung von VW war das Geld plötzlich spurlos verschwunden und konnte nur durch die Androhung, den Skandal in den Medien aufzudecken, wieder hergezaubert werden.

Wenn in unseren Tagen das öffentlichrechtliche Fernsehen eine Produktion des Werkes arrangieren möchte – zu dem, zugegeben, immerhin 200 Choristen, 100 Streicher, vier zusätzliche Bläserchöre und acht Paar Pauken benötigt werden – bedarf es des vereinten Dollar-Pfund-Francs-D-Mark-Einsatzes von Unitel, der Amberson Production, Radio France und Westdeutschem Rundfunk, damit die „Herstellungsleitung“ des Leonard-Bernstein-Managements zustimmt, daß unter Humphrey Burtons Regie ein musikalischer Berater, ein Tonmeister, ein Lichtgestalter und sieben „Kameraschwenker“ das Ereignis aufs Magnetband bekommen.

Bei der Uraufführung, am 5. Dezember 1837 im Pariser Invalidendom anläßlich der Eroberung des algerischen Constantine und zum Gedenken an die dort Gefallenen (Franzosen), schaffte es die Intrige der ästhetischen Opposition, dem Komponisten im letzten Moment die Leitung seines eigenen Werkes aus der Hand zu winden und sie einem betagten Konservativen zu übertragen – der „zufällig“ die Premiere an einer entscheidenden Stelle „geschmissen“ hätte, wäre nicht der Komponist geistesgegenwärtig aufgesprungen, um die Tempo-Änderung und die Einsätze präzise zu geben.

Wenn heute Leonard Bernstein das Werk dirigiert, am Ort der Uraufführung – keine Eroberung, keine Gefallenen zwar, aber nichtsdestoweniger rechts und links von den riesigen Musiker-Massen je eine fast noch riesigere Trikolore – möchte man glauben, vieles sei eben mediengerechte Show. Aber dann reicht eine kleine Phase, etwa das „Qua resurget ex favilla“ am Ende des „Lacrimosa“, um zu zeigen, was die totale Selbstentäußerung, die geballte Wucht des zum Physischen gewordenen Psychischen bedeuten, wenn ein Vollblutmusiker Ernst macht.