Der polnische Staatsangehörige Dr. Dietrich Lehfeldt, Jurist und Landwirt, 29 Jahre alt, heiratete am 12. Januar 1932 die neunzehnjährige deutsche Staatsangehörige Walburg von Schönberg. Die Jungverheirateten übernehmen das sehr große Gut Lehfelde, das seit 1855 im Familienbesitz der Lehfeldts ist.

Walburg Lehfeldt: Gut Lehfelde – Eine deutsche Geschichte 1932–1950; Limes Verlag, München 1986; 218 S., 30,– DM.

Einst gehörte das Gut zur preußischen Provinz Posen; nach dem von Deutschland verlorenen Ersten Weltkrieg fiel es an Polen. Die junge Gutsfrau hatte sich kaum je für Politik interessiert. Deshalb nimmt sie sorglos hin, daß ihr 1903 als Reichsdeutscher geborener Mann – um den Familienbesitz zu erhalten – die polnische Staatsangehörigkeit annehmen und polnische Militärdienstzeit ableisten mußte. Auch sie, als Ehefrau, erhält nun einen polnischen Paß. Deutsche und Polen im Kreis Wöllstein begegnen einander freundlich. Die polnischen Gutsarbeiter, wie auch die Dorfbewohner, schätzen die Lehfeldts. „Der Himmel hing voller Geigen“, beschreibt sie ihre Grundstimmung, die bis zum Spätherbst 1934 anhält.

Obwohl die Lehfeldts unweit der deutschen Grenze wohnen, sind sie nur oberflächlich über die Folgen der Hitlerschen Machtergreifung, über die ersten Gewaltmaßnahmen der Diktatur informiert. Sie sind zur Gänze auf die Landwirtschaftsarbeit und das traditionelle ländliche Leben eingestellt. Anfang Dezember 1934 folgt Walburg Lehfeldt einer Einladung nach Kiel. Während dieser Reise gerät die junge Frau unversehens in machtpolitisches Netzwerk.

Es ist die Zeit der noch geheimen deutschen Aufrüstung. Ihre Mutter, Witwe des Kapitäns zur See Karl von Schönberg, soll einen Kreuzer taufen. Die schwerkranke in Berlin lebende Witwe, bittet ihre Tochter, Hilfe zu leisten. Walburg, schwer definierbares Unbehagen bei dem Gedanken spürend, wie polnische Behörden bei Beantragung des Ausreisepasses auf den Zweck ihrer Reise reagieren könnten, entschließt sich, den nur vier Tage gültigen „Kleinen Grenzausweis“ zu benutzen. In Kiel nimmt sie mit ihrer Mutter an einem Gala-Essen teil. Am nächsten Morgen findet eine Rundfahrt in der Staatsjacht „Aviso Grille“ statt. Gauleiter Julius Streicher ist Walburgs Gesprächspartner. Pausenlos ist die Zweiundzwanzigjährige, als Tochter eines gefallenen Seehelden, von Spitzenvertretern der Wehrmacht und Partei umgeben. Streicher schlägt ihr vor, sie Hitler vorzustellen. Sie habe „etwas so Strahlendes und Unbekümmertes“ – ihr Wesen würde Hitler erfreuen. Gelegenheit zur Vorstellung böte die Rückreise mit einem Zwischenaufenthalt in Berlin. Und es geschieht. „Auf dem Bahnsteig stand der Chefadjutant des Führers, Wilhelm Brückner, und vor dem Bahnhof der Mercedes der Reichskanzlei mit dem späteren Brigadeführer Schaub als Fahrer. Streicher und ich nahmen hinten Platz, und es wurde mir eröffnet, daß ein Zimmer für mich im Hotel Kaiserhof reserviert sei und Hitler mich und Streicher um sechzehn Uhr in der Reichskanzlei erwarte.“ Walburg Lehfeldt und Streicher betreten den Empfangssaal: „Doch noch ehe ich mich setzen konnte, kam mir Hitler sehr freundlich und gewinnend im Wesen entgegen, begrüßte mich mit Handkuß und führte mich in einen kleinen Raum mit Kamin, das sogenannte Rauchzimmer, wie ich später erfuhr. Dort nahmen wir in bequemen Sesseln vor dem Kamin Platz. Der Diener servierte uns Tee und Kaffee, das spielte sich ganz von selbst ab.“ Unbefangen bringt Walburg ihre polnische Staatsangehörigkeit ins Gespräch. Sie weist auf ihre sich daraus ergebende prekäre Situation hin. Hitler versichert, daß ihr Besuch geheim bleiben werde. Dann jedoch beginnt er zu Situation Er hält einen seiner beängstigenden Mogeheim Spricht von seinem künftigen Regierungsprogramm, vom Lebensraum im Osten. Vom polnischen Staat, mit dem am 26. Januar 1934 der „Nichtangriffspakt und Freundschaftsvertrag zwischen Deutschland und Polen“ geschlossen worden war, spricht er nicht.

Bei der Verabschiedung der jungen Frau drückt Hitler den Wunsch aus, sie noch einmal wiederzusehen. Walburg besucht mit Streicher die von Hitler empfohlene Theateraufführung. Wieder ist sie von Offizieren umgeben. Darunter befinden sich auch jene, die bereits in Kiel beim Schiffstaufakt anwesend waren. Sie erinnert sich einzelner Bemerkungen der Herren über Streicher. Jetzt wird ihr unheimlich zumute. Sie beschließt, den frühesten Morgenzug zu nehmen. Das gelingt ihr auch.

Glücklich auf Gut Lehfelde zurückgekehrt, vermag sich Walburg Lehfeldt nicht länger vertrauensselig einzuspinnen. Sie nimmt einige politische Wirklichkeiten wahr. Zum Beispiel die Distanz zwischen den deutschen und polnischen Volksgruppen, die beiderseitige heimliche Agitation, die Provokationen. Das 1925 in Kraft getretene polnische Agrarreformgesetz ermöglicht es, deutsche Großgrundbesitzer zu enteignen. Die Enteignung der Lehfeldts ist für das Jahr 1939 beschlossen worden. Durch den Kriegsausbruch im selben Jahr kommt es nicht mehr dazu.