Von Jürgen Manthey

Daß Geschriebenes „am wahrsten erscheint“, wenn es „sich durch keinerlei wie immer geartete Kunstmittel in Szene setzt“, ist die erste Mitteilung in diesem Buch. Canetti, der 1980 den Nobelpreis für Literatur erhielt, mißtraut der Literatur als Metier und als Öffentlichkeit. Öffentlichkeit und Redlichkeit schließen für ihn einander aus. „Geheim leben. Gäbe es etwas Herrlicheres?“ Dieser Stoßseufzer aus dem Jahr 1982 schließt an frühere Äußerungen über seine „Vorstellung von Glück“ an: „Ein Leben lang ruhig zu lesen und zu schreiben, ohne jemandem je ein Wort davon zu zeigen, ohne je ein Wort davon zu veröffentlichen.“ Das hat er schon vor dreißig Jahren geschrieben und – veröffentlicht. Noch heute meint er, daß er „nur irrtümlich in die Literaturgeschichte gerutscht“ sei.

Der weitaus größere Teil seines Werks besteht aus „Aufzeichnungen“ genannten Tagebüchern, Gedankenbüchern, und aus den drei Bänden der Autobiographie: Canetti bevorzugt eine persönliche Literatur, die erzählte oder reflektierte eigene Lebensgeschichte. Sein einziger Roman, „Die Blendung“, 1935 erstmals erschienen, endet mit dem Brand einer Bibliothek: der Vernichtung von Literatur durch elementare Gewalt. Der mit den Büchern verbrannte Sinologe Peter Kien ist kein umgänglicher Mensch gewesen. Er verkörperte die arrogante Hilflosigkeit des Bücherfreundes und Menschenfeindes. Ein kritisches Selbstporträt des Autors?

Die neuen Aufzeichungen aus den Jahren 1973 bis 1985 sind auch aus dem Dialog mit Büchern entstanden. Die wichtigste Aufgabe des Dichters nennt Canetti einmal „das Weitertragen des Gelesenen“. Er ertappt sich bei dem „Trick, sich für kommende Jahrhunderte mit Lektüre einzudecken“. Ach, könnte er doch „ein Buch sein“, das „mit Leidenschaft gelesen würde“. Wir wissen aus „Die gerettete Zunge“ und „Die Fackel im Ohr“, wie früh und wie heftig das Kind durch die Mutter in die Literatur eingeführt wurde, wie es mit Angst und mit Eifer ihre Anerkennung als Gesprächspartner über die Werke der Weltliteratur suchte – und als Dichter. (Als „Die Blendung“ erschien, nannte sie den Roman ihr Buch, so weit ging die Symbiose zwischen Mutter und Sohn.)

Daß Bücher in Flammen aufgehen können, hatte Canetti 1933 bei den Bücherverbrennungen durch die Nazis von Wien aus miterlebt. Das Trauma, daß die Literatur nicht vor der fürchterlichen Lebenswirklichkeit schützte, gibt dem Roman diese schreckhaften, ja, diese schrecklichen Einzüge. „Die Blendung“ ist die Geschichte einer Vertreibung. Sie behandelt die Unsicherheit der Bücherwelt. Es ist aber auch der Roman einer Loslösung. Und einer Sehnsucht. Seither beobachtet der Autor diese Sehnsucht mißtrauisch und schuldbewußt. Er fordert ihr ständig Gewissen und Gewissenhaftigkeit ab.

„Die erste Voraussetzung“ für „eine Möglichkeit öffentlicher Wahrheit“, so heißt es gleich zu Anfang seines neuen Buches, ist, „daß man seine Fragen selber stellt und nicht nur selber beantwortet.“ Ausgangspunkt für alles, was Canetti schreibt, ist er selbst. Aber er selbst ist nicht die Antwort auf alle Fragen, die sich ihm stellen. Seine Selbstentblößung im Zustand rastloser Empfindungen bedeutet die Öffnung auf die anderen hin, alle anderen, auch die Toten-, und die Tiere Er bekennt: „Dieselbe Angst seit 70 Jahren, aber immer um andere.“ Er fragt: „Ob man ganz in das Leben eines anderen eingehen müsse, um sich sehen zu können?“

Canettis Sätze sind keine Merksätze. Altersweisheit ist auch jetzt nicht bei ihm zu haben. Noch der Achtzigjährige fordert von sich: „Mache das Wort wahr, das du am meisten gebraucht hast: Verwandlung.“ Vom Ideal einer Persönlichkeit, noch für Schopenhauer die Vorstellung von Glück (beständig, unabhängig, im geistigen Selbstgenuß zufrieden), ist sein Selbstbild weit entfernt.