Es regnet, es gießt an diesem Ostermontag. Der Wind bläst kalt durch die Straßen der Hansestadt und die dreißig Meter hohe Fontäne auf der Binnenalster wird schon auf halber Höhe als weiße Gischt verweht. Kein Demo-Wetter, aber „Ostermarsch, das ist eben, wenn man trotzdem geht“. Der ältere Mann aus Hammerbrook, mit Prinz-Heinrich-Mütze auf dem Kopf und dem DGB-Anstecker am durchnäßten Parka, sagt das fast trotzig. Seit 1958 ist er an Ostern immer dabei, wenn irgendwo, für den Frieden marschiert wird und gerade diesmal, wo „sich oben in der Politik was bewegt, kann ich meine Kollegen hier doch nicht allein laufen lassen“.

Der Hamburger Ostermarsch 1987 ist eine wogende Schlange von Regenschirm- und Pellerinenträgern. Dreitausend, vielleicht auch viertausend Trotzdem-Marschierer mögen es sein. Zwischen den Schirmen ragen ein paar Transparente heraus: Abrüsten jetzt, Hamburg atomwaffenfreie Zone. Im Osten viel Neues, meldet die DKP auf ihrem Plakat und „Gorbi“, wie ihn die Leute hier fast zärtlich nennen, lächelt zwischen Friedenstauben freundlich von der Pappe.

Franz-Josef Kemper von der Initiative „Sportler für den Frieden“ lobt vorne auf dem Podium Nationalspieler Rudi Völler. „Der Rudi, der gibt seinen Verstand nicht im Umkleideraum ab, der tritt für den Frieden ein.“ Applaus für Rudi. Beifall auch für den Vertreter einer Friedensinitiative aus der Lüneburger Heide. Dort hat man Wind davon bekommen, daß die Bundeswehr in Ramelsloh ein Depot bauen will. „Aber wir waren schneller als Herr Wörner. Wir sind zu den Bauern gegangen und haben den Wald aufgekauft. Zuerst waren wir nur sieben Leute, inzwischen gehört der Wald mehr als einhundert Leuten von Friedensinitiativen aus der ganzen Welt und der Bau des Depots ist blockiert.“

Viele Eltern haben heute ihre Kinder dabei, tragen sie auf dem Arm oder schieben sie im sorgsam abgedeckten Kinderwagen über die matschige, zertrampelte Wiese. Ein kleines blondes Mädchen, auf dem Rücken seiner Jacke klebt die weiße Friedenstaube, hält sich die Ohren zu und zieht das Näschen kraus, als ein junger Demonstrant an Mikrophon mit sich überschlagender Stimme („Wenn das jetzt irgendwie nicht gut rüberkommt, liegt das daran, daß ich noch nie vor so vielen Leuten gesprochen habe“) Grüße von den Blockierern des „Atomdepots“ Kellinghusen überbringt. Dann beginnt der Marsch in Richtung Rathausmarkt. Alle machen einen Bogen um die Krokusblüten und Osterglocken auf der Wiese.

ÖTV, die Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend (SDAJ), die DKP und Pax Christi: alle halten sie ihre Transparente in den Regen. Auch eine Gruppe Türken marschiert mit; ihr Sänger schmettert heimatliche Freiheitslieder über den Lautsprecherwagen. Drei buddhistische Mönche aus Japan in Badelatschen und mit weißen Kopftüchern auf dem Friedensmarsch von Stockholm nach Athen schlagen monoton die Trommel. Geredet wird wenig unter den Marschierern, es ist einfach zu naßkalt.

„Ohne den Druck von der Straße bewegt sich nichts. Wir können zwar nichts direkt erreichen mit unserer Demo, aber die Politiker sollen wenigstens merken, daß es uns noch gibt“, sagt ein Bildhauer aus Eimsbüttel. „Das ist doch jetzt ein Angebot aus Moskau, alle Mittel- und Kurzstreckenraketen weg, davon haben wir vor drei Jahren noch nicht mal geträumt. Jetzt muß ein Abkommen geschlossen werden, aber was machen die Nato-Generäle? Sie zerreden alles. Wir von der Friedensbewegung müssen den Politikern zeigen, daß sie diese Chance nicht verspielen dürfen.“

„In Amerika wird das freeze movement auch immer stärker. Das hat der Reagan schon gemerkt, der spricht jetzt immer öfter von Frieden, auch wenn er das nicht so meint.“