Bauwelt-Fundamente – „Um uns die Stadt“

„Was können Herausgeber allein schon ausrichten!“ fragt der Herausgeber Ulrich Conrads. „Ideen zu haben, genügt ja nicht.“ Nein, natürlich steckt zwischen den beiden biegsamen Buchdeckeln, die vorn und hinten oben rechts ein schwarz umrandetes Rechteck wie einen Eingeweihten-Orden tragen, auch stets ein Haufen Arbeit. Nur – zu den Besonderheiten der „Bauwelt-Fundamente“, deren 75. Band nun heraus ist, gehörte immer schon die besondere Idee. Gleich der erste Band hatte präsentiert, was das 20. Jahrhundert bis dahin (1964) an „Programmen und Manifesten zur Architektur“ formuliert hatte; Band 3 brachte Werner Hegemanns berühmtes aggressives „Steinernes Berlin“ von 1930 wieder, und Nummer 4 dann die vielberedete, Stadtplaner und Stadtbewohner aufwühlende Untersuchung von Jane Jacobs über „Tod und Leben großer amerikanischer Städte“.

Der Wechsel zwischen der unmittelbaren und der eben verstrichenen, aber immer noch wegweisenden Gegenwart, also, sagen wir, zwischen Sullivan und Venturi sorgte für Wachheit – und es gab ja viele Unruhe und Erstaunen stiftende Bände, über die sich keineswegs nur die Fachleute stritten. Darunter waren Anna Teuts „Architektur im Dritten Reich 1933-1945“, Kevin Lynchs „Bild der Stadt“ und Venturis „Lernen von Las Vegas“, des DDR-Forschers Quitzsch interessante Semper-Studie und Hackelsbergers „Plädoyer für eine Befreiung des Wohnens aus den Zwängen sinnloser Perfektion“, zu schweigen von den vielen Bänden, die – oft überraschend gut zu lesen – zu einer um Aktualität bemühten Bau-Bildungs-Bibliothek wurden.

Für das Jubiläum des 75. Bandes langte Ulrich Conrads zurück und holte eine wunderbare „Anthologie neuer Großstadtdichtung“ herauf: „Um uns die Stadt 1931“ (Friedr. Vieweg & Sohn, Braunschweig 1986; 208 S., 29,80 DM), damals herausgegeben von Robert Seitz und Heinz Zucker. Die Stadt am Morgen, die Stadt am Abend, die Elektrische und die U-Bahn, die Gastwirtstochter und der überflüssige Mensch, Paris und Berlin, Arbeitslosigkeit, der Große Coup, Wartesaal und Schauhaus. Über neunzig Dichter, alle darunter, die man kennt, viele, die vergessen sind: Meyer, Mostar und Mehring, Kästner, Klepper und Kalenter, Feuchtwanger, Becher und Max Herrmann-Neiße, Birkenfeld und Werner Finck. Man liest, und liest, fühlt sich bedrückt, belustigt, atmet durch, ach ja:

Und wenn es Mond wird – wenn die Sterne fallen fühlt Un-Tier Mensch in seinem Bau sich alt – Beton Stahl Mörtel Röhren Türme Hallen – Doch seine Hände sehnen sich nach Krallen Sein Hüsteln schlürft nach einem Luftzug Wald!

Dichtete Walter Mehring. Die Bauwelt-Fundamente – gewissermaßen das (nicht immer) Bleibende neben dem (nicht immer) Flüchtigen des Wochenblattes Bauwelt – sind die interessanteste Reihe, die es über das Bauen, Planen, Wohnen, Leben gibt. Vielleicht kommen ihre Planer sogar noch auf die Idee, allen Werken endlich das beizugeben, was man so dringend braucht: Register.

Manfred Sack