Hamburg

Na ja, wer von uns möchte das nicht mal – einen Jaguar fahren?" Autohändler Jürgen B., der genau dieses Traumauto zur Probefahrt verliehen, jedoch von dem 24jährigen Angeklagten Stefan H. nicht zurückbekommen hatte, wurde zu der Auto-Entführung als Zeuge vor dem Hamburger Amtsgericht vernommen. Und er hatte mit diesem Satz offenbar ins Zentrum geheimster, wiewohl weitverbreiteter Wünsche getroffen.

Das Gericht saß einen traumverlorenen Augenblick stumm da. Einmal einen Jaguar fahren? Der Protokollführer schien eher an einen Porsche zu denken. Der Richter? Vielleicht lieber einen schweren BMW? Und der Staatsanwalt? Er fand als erster auf den Boden des Gerichtssaals 279 zurück und legte sich gewissermaßen scharf in die Kurve: "Können Sie mir vielleicht mal sagen", fuhr er den Angeklagten an, "was das soll-t-e?!"

Stefan H., der bis dahin den Blick auf seinen zitronengelben Joggingschuhen hatte ruhen lassen, hob den Kopf. Wie war das gewesen? Er hatte den Wagen morgens zur Probefahrt abgeholt, seinen Paß beim Autohändler dafür zurückgelassen und war gegen Mitternacht des darauffolgenden Tages von der Polizei in dem Jaguar gestoppt worden.

"Normalerweise", so der Autohändler vor Gericht, "dauert eine Probefahrt maximal eine Stunde. " Danach werde das Fahrzeug sofort überprüft, ob vielleicht eine andere alte Automatik eingebaut oder das Getriebe ausgewechselt worden sei. "Das gibt’s auch mal."

An dem vermißten Jaguar aber war alles in Ordnung gewesen, als er nach einer Funkfahndung wieder im Autosalon stand. Der wegen Betrugs angeklagte Stefan aber behauptete vor Gericht, die Automatik des Wagens habe nicht funktioniert. "Manchmal ist er nur rückwärts gefahren oder auch gar nicht."

Richter: "Aber am nächsten Tag ist er wieder vorwärts gefahren?" Angeklagter: "Ja". Richter: "Da klappte es wieder?" Angeklagter: "Ja, da klappte es wieder." Richter: "Da hätten Sie ihn doch zurückfahren können?" Angeklagter: "Habe ich wohl nicht dran gedacht." Er habe den Wagen eigentlich auch nur für einen Freund abgeholt, dem der Jaguar (Neuwert 80 000 Mark, Zeitwert 16 000 Mark bei 150 000 Kilometern) dann sowieso zu alt gewesen sei. Stefan H., von Beruf Maschinenschlosser, 18 Monate arbeitslos und seit kurzem Sozialhilfeempfänger, hatte sich das triste Leben ein bißchen aufhellen wollen. Staatsanwalt: "Das läßt sich ja wohl nachvollziehen, was so einen jungen Herrn bewegen kann. Das paßt ja auch zur Taxifahrerei."