Die Franzosen wollen die EG-Grenzwerte für radioaktive Lebensmittel drastisch hinaufsetzen

Von Thomas Hanke

Die Folgen von Tschernobyl sind noch längst nicht bewältigt. Diese Erkenntnis, so steht zu erwarten, wird die Quintessenz eines Treffens sein, das genau ein Jahr nach der Reaktorkatastrophe am letzten Aprilsonntag in Luxemburg stattfindet. Hochkarätige Wissenschaftler aus der ganzen Welt kommen dort auf Einladung der Europäischen Gemeinschaft (EG) zusammen, um einen Konsens über die zulässige Strahlenbelastung von Lebensmitteln zu suchen. Die Diskussionen haben einen handfesten Hintergrund, denn mit den akzeptablen Höchstwerten für Nahrungsmittel sind große wirtschaftliche Interessen verquickt.

Seit Ende Mai 1986 gilt in der EG ein Importverbot für Lebensmittel, die über die Norm von 370 Becquerel pro Kilogramm (Becquerel: Einheit für Radioaktivität) bei Milch und Babynahrung sowie 600 Becquerel bei anderen Lebensmitteln strahlen. In der Bundesrepublik wurden Landwirte, deren Produkte höher belastet waren und vernichtet werden mußten, sogar entschädigt. In anderen Ländern wie Frankreich gab es keine Ausfallzahlungen, da nach französischer Lesart keine besorgniserregende Strahlenverseuchung existierte.

Streit mit Folgen

Die noch bis Oktober geltenden EG-Normen sollen nun demnächst durch großzügigere Grenzwerte ersetzt werden. Was passiert, wenn die Gemeinschaft plötzlich Höchstwerte als wissenschaftlich begründet beschließt, die das bisher angewandte Limit drastisch übertreffen, ist absehbar: Tausende von Landwirten und Importeuren werden eine Entschädigung dafür verlangen, daß die EG ihnen über ein Jahr lang ein Vermarktungsverbot auferlegte, das sie nun selber als wissenschaftlich unhaltbar hinstellt.

Die offiziellen EG-Experten haben lange vor dem Luxemburger Seminar Normen vorgeschlagen, die nicht nur Öko-Fanatikern schwindelerregend hoch erscheinen. Im ersten Jahr nach einem nuklearen Unfall wollen sie Milchprodukte zulassen, die eine Strahlungsintensität von 20 000 Becquerel pro Kilo (bq/kg) aufweisen, für andere Nahrungsmittel soll die Grenze sogar erst bei 30 000 bq/kg liegen. Das schien der Brüsseler Kommission zu weit zu gehen. Sie erwägt ein Limit von 4000 bq/kg für Milchprodukte und von 2000 bq/kg für andere Lebensmittel. In Luxemburg will sie versuchen, die Meinung der eigenen Experten zu relativieren und Drittländer für gemeinsame Werte zu gewinnen. Gelingt dies nicht, läuft die Gemeinschaft Gefahr, sich einen Namen als alleiniger großzügiger Exporteur radioaktiver Lebensmittel zu machen. In den Vereinigten Staaten gilt ein einheitlicher Grenzwert von 370 bq/kg.