Was geschieht, wenn, wie jetzt zu Ostern, in der Politik, jedenfalls der inneren, einmal völlige Flaute herrscht? Dann drängen jene Politiker in die Zeitungsspalten, denen als Person oder von Amts wegen sonst kaum Schlagzeilen zuteil werden. Und wer drängt ganz besonders? Richtig: Jürgen W. Möllemann.

Er kann sich vorstellen, Martin Bangemann an der FDP-Spitze zu beerben, wenn der Parteivorsitzende und Wirtschaftsminister im nächsten Jahr als Präsident der EG-Kommission nach Brüssel wechseln sollte. Freilich, die Sache steht noch im weiten Feld, und sie könnte heikel werden, wenn demnächst auch ein anderer Bonn verlassen wollen sollte – nämlich Manfred Wörner, um den Stuhl des Verteidigungsministers mit dem des Nato-Generalsekretärs zu vertauschen.

Zwei Deutsche an solchen Schaltstellen? Was Wunder, wenn Regierung wie FDP-Führung nach Kräften abgewiegelt haben, als die Spekulationen im letzten Monat ins Kraut schossen, irritierend genug, da das neue Kabinett Kohl gerade stand.

Wenn die immer wieder aufgerührte Angelegenheit einen symptomatischen Kern hat, dann den, daß Martin Bangemann eben nicht als gänzlich unersetzbar gilt. Sonst aber gilt der nachösterliche Stoßseufzer aus der FDP-Zentrale: Möllemann kennt ja meistens nur ein Thema: eben Möllemann.“

Man muß es nicht unbedingt mit Michail Gorbatschows Politik der Öffnung, des Umbaus und der Erneuerung in Verbindung bringen, aber man kann es: Ende Mai wird das Bolschoi-Theater zum ersten Mal auch in Bonn gastieren, mit Mussorgskis Oper „Boris Godunow“. Das hat, durch private Hinweise aufmerksam geworden, Außenminister Genscher möglich gemacht, doch ohne sowjetische Hilfe wäre ihm dieser Bühneneffekt wohl nicht geglückt.

Nach Auftritten in Wiesbaden, Ludwigshafen und Stuttgart unterbricht das berühmte Moskauer Ensemble seine anschließende Tournee durch Dänemark eigens für das Gastspiel in der Bundeshauptstadt. Obwohl das Auswärtige Amt eine Ausfallbürgschaft von 240 000 Mark und private Sponsoren 80 000 Mark beisteuern, sind die Preise gepfeffert. Aber kleine Gesten fördern die Beziehungen. Bonn bereitet sich auf einen großen Abend vor.

Die Zeit steht still. Zwar türmen sich die Kränze, weil sich am Ostersonntag der Todestag Konrad Adenauers zum zwanzigsten Male gejährt hat, doch sonst ist alles unverändert. Wie vor zwei Jahrzehnten gibt es nur den schlichten Grabstein mit dem Jugendstil-Engel, darunter eingeritzt der Name des ersten Bundeskanzlers mit seinem Geburts- und Sterbedatum.