IG Metall und Arbeitgeber einigten sich im Spitzengespräch über Arbeitszeitverkürzung – ein Streik findet nicht statt

Der Arbeitskampf in der Metallindustrie ist abgewendet. In ihrem zweiten Spitzengespräch einigten sich Vertreter der Gewerkschaften und der Arbeitgeber in der Nacht zum Mittwoch auf einen Kompromiß in der umstrittenen Frage der Arbeitszeitverkürzung. Vom 1. April 1988 an gilt die 37,5-Stunden-Woche, ein Jahr später wird die Arbeitszeit um weitere dreißig Minuten reduziert. Die Löhne und Gehälter steigen in diesem Jahr um 3,7 und im April 1988 um zwei Prozent; weitere zwölf Monate später noch einmal um 2,5 Prozent.

Die Vereinbarung, die Franz Steinkühler von der IG Metall und Werner Stumpfe vom Arbeitgeberverband Gesamtmetall nach langem Ringen trafen, muß jetzt allerdings noch in den Tarifbezirken ausgefüllt werden. Doch die Weichen sind gestellt. Der Konflikt um den zweiten Schritt zur 35-Stunden-Woche wurde ohne Streik und ohne Schlichter gelöst.

Federn haben beide Seiten lassen müssen. Die IG Metall konnte keinen Stufenplan erreichen, mit dem schon jetzt festgeschrieben wurde, wann das endgültige Ziel der Arbeitszeitverkürzung erreicht wird: Sie akzeptierte zudem unterschiedlich lange Beschäftigungszeiten für die Metaller. Die Unternehmer mußten eine weitere Verringerung der wöchentlichen Arbeitsstunden in diesem Jahrzehnt schlucken.

Der Kompromiß, der vor allem der Gewerkschaft nicht leichtgefallen sein dürfte, weil sie den Kampf um die 35-Stunden-Woche jetzt gern hinter sich gebracht hätte, verheißt für die nächsten drei Jahre Ruhe an der Tariffront dieses Wirtschaftszweiges. Eine solche Pause in einer Phase sich abschwächender Konjunktur kann sich als nützlich für beide Seiten erweisen. Sie gibt der Gewerkschaft Zeit, sich all den dringenden Problemen zu widmen, die durch die neuen Techniken an den Arbeitsplätzen und die Veränderungen in der Gesellschaft entstanden sind. Und die Unternehmer können ihre Personalkosten über einen ungewöhnlich langen Zeitraum planen. Geht es freilich inzwischen wieder aufwärts mit der Konjunktur, droht die Gefahr einer Nachschlagsdiskussion. Doch damit rechnet derzeit wohl niemand.

Die Pause könnten Franz Steinkühler und Werner Stumpfe aber auch nutzen, um das frostige Klima zwischen ihren Organisationen wieder zu verbessern. Allzu lange schon herrscht Sprachlosigkeit zwischen den Verbänden. Die Fronten der Arbeitgeber und Gewerkschaften haben sich in den vergangenen Jahren zunehmend verhärtet. Abseits der offiziell notwendigen Begegnungen lief nichts. Und das, was man sich zu sagen hatte, wurde über die Medien transportiert – gerade so, als ob das Telephon noch nicht erfunden sei.

Ein Beispiel für bessere Zusammenarbeit demonstriert die Chemiebranche. Ohne viel Aufhebens haben die Tarifparteien dort einen wegweisenden Vertrag über die Absicherung von Teillzeitbeschäftigten unterschrieben. Vereinbarungen in aller Stille sind in diesem Wirtschaftszweig nicht ungewöhnlich. Zu einer solchen sozialpartnerschaftlichen Haltung wird sich die IG Metall zwar nicht bereitfinden, doch ohne den Erfolgszwang, unter dem beide Seiten in Tarifverhandlungen stehen, läßt sich so manches strittige Problem vielleicht leichter lösen.