In Argentinien: Doppelspiel

Stunden, ehe ein argentinischer Flottenverband den ersten Angriff auf britisches Territorium seit dem Zweiten Weltkrieg eröffnete, tippte ein leitender Beamter aus Mrs. Thatchers Stab ärgerlich eine Nummer in seine Telephontastatur. Er wollte Richard Luce, einen der Staatsminister im Außenministerium, sprechen. Statt dessen bekam er den Privatsekretär von Luce, einen jungen Diplomaten namens Jeremy Cresswell, an die Strippe und erklärte ihm, er könne in den Geheimdienstberichten, die Luce ständig an ihn weiterleite, nichts erkennen, was Luce berechtige, die Premierministerin noch länger mit Ankündigungen einer Invasion auf den Falkland-Inseln zu belästigen. Es sei Zeit, daß Cresswell seinen Chef zur Räson bringe: „Schaffen Sie ihn uns vom Hals!“

Während sie noch miteinander sprachen, schickte der Funker des britischen Patrouillenbootes „Endurance“ eine Blitzmeldung in den Äther. Die Signale der „Endurance“, 14 000 Kilometer weit entfernt im Südatlantik, erreichten über Satellit das britische Flottenkommando in Northwood, Middlesex: Ein großer argentinischer Kampfverband versammle sich in der Nähe der Falkland-Inseln.

Diese Meldung stimmte überein mit Berichten der britischen Botschaft in Buenos Aires und den Erkenntnissen eines amerikanischen Lauschpostens in Panama, die über die Nationale Sicherheitsbehörde der USA in Virginia bei Washington nach London übermittelt wurden.

Aber keiner von all denen, die schließlich in das folgende Drama verwickelt wurden, hat je eine Erklärung dafür gefunden, warum diese Berichte nicht die geringste Wirkung in Downing Street Nummer zehn hinterließen. Trotz der in den vorangegangenen zwei Wochen gestiegenen Spannung zwischen beiden Ländern schienen die Beamten in der Umgebung der Premierministerin von jener „Krankheit“ des Denkapparates gelähmt zu sein, die als „kognitive Dissonanz“ bekannt ist. Ihrer Einschätzung nach konnte eine argentinische Invasion so nicht stattfinden, und kein noch so gewichtiger Hinweis hätte sie vom Gegenteil überzeugen können.

Der Falkland-Krieg entstand aus einem Fehlschlag der Abschreckungspolitik. Die britische Regierung hat es damals und auch in der Folgezeit immer ganz passend gefunden, den Angriff der Argentinier als „Schlag aus heiterem Himmel“ zu bezeichnen. Im Franks-Report aus dem Jahr 1983 (vorgelegt von einer Untersuchungskommission der Regierung) hieß es, die argentinische Invasion sei so plötzlich gekommen, daß niemand sie habe vorhersehen können. Das Fazit: „Es gibt keinen Grund für uns, die Regierung mit Kritik oder Tadel zu belegen.“

Doch so elegant lassen sich die Ursachen des Krieges nicht unter den Teppich kehren. Der einzige Grund für diese Art von Absolution war der verständliche Wunsch, politische Wunden in einer Zeit des allgemeinen Triumphs nicht wieder aufzureißen – dieses Eingeständnis war immerhin einigen Mitgliedern der Franks-Untersuchungskommission bei privaten Gesprächen zu entlocken.