Früher hieß das Kunst am Bau und die Spaziergänger, wenn sie es überhaupt sahen, machten sich milde lustig über einen abstrakten Zacken oder eine Dame aus Bronze, die einen öffentlichen Platz oder Vorgarten zierte. Heute heißt es "Kunst im öffentlichen Raum", ist aufwendiger und auffälliger, und viele Leute sind ärgerlich und protestieren. Jüngster Fall: Berlin.

Dort hatte man sich, die 750-Jahr-Feier duldet keinen weißen Fleck im Terminkalender oder auf dem Stadtplan, ein Projekt "Skulpturenboulevard" ausgedacht. Sechs Künstler und zwei Künstlerehepaare wurden vom "Neuen Berliner Kunstverein" benannt, die für den Kurfürstendamm acht Skulpturen schaffen sollten. Am 26. April soll dieser "Skulpturenboulevard" der Öffentlichkeit vorgestellt werden, aber die Farce, die sich bereits abgespielt hat, hat die Kunst, die irgendwo auch verborgen ist, längst überwuchert.

Ed und Nancy Kienholz haben ihre Arbeit selber freiwillig zurückgezogen: Zwei auf gegenüberliegenden Kränen schwebende Riesenkondome sollten von den "feindlichen" Kranführern mit spitzem Werkzeug zum Platzen gebracht werden. Daß mit dieser Aktion nach dem Künstlerwillen die "Dummheit der Aggression" denunziert werde, schien den Veranstaltern zunächst einleuchtend. Dann aber lag der Besuch Erich Honeckers in der Luft (der freilich schneller platzte als jedes Kondom), und was hätte der denken sollen. Außerdem, so der NBK, fand man es nicht mehr opportun, "eine lebensrettende Prophylaxe der Zerstörung preiszugeben". Da staunt der Fachmann, und der Laie wundert sich. Aber kaum war die Kienholz-Kontroverse erledigt, da kam der nächste Ärger, und jetzt direkt von der Straße: Proteste gegen die Arbeiten von Olaf Metzel und Wolf Vostell. Metzel hat eine aus rotweiß lackierten Straßensperren zehn Meter hochgetürmte Stahlrohrskulptur gegenüber dem Café Kranzler aufgestellt – eine kühle Erinnerung an das, was sich hier auch einmal abspielte. Wolf Vostell hat am Rathenauplatz zwei hochkant gestellte Cadillacs einbetoniert – ein "Motiv", das er seit 1969 repetiert.

Auf diese beiden Skulpturen reagierten die Berliner ironisch, ärgerlich, entsetzt, aggressiv. Vom rausgeschmissenen Geld war da natürlich die Rede und davon, daß ihre Stadt verschandelt werde. Man kennt das, und wer will, kann von den ewig Gestrigen reden. Aber was eigentlich haben die ewig Heutigen ihnen voraus? Von einer "Chaotisierung der Bevölkerung" (an der natürlich die Presse schuld ist) und einer "enormen Spießigkeit" sprach die Projektleiterin des NBK – gleichzeitig veröffentlichte man einen "Appell an Fairneß und Toleranz", der in der Maxime gipfelte "Nicht Stadtverschönerung ist gefragt, sondern Stadterneuerung". Enorme Spießigkeit? Ernorme Überheblichkeit! Und apropos "gefragt": gefragt bei wem? Gefragt werden ein paar Juroren, aber nicht die Leute, die mit der Entscheidung der Juroren leben müssen; denen wird erst verkündet, was ihnen guttut, dann etwas hingestellt, basta.

Vielleicht aber sollten Kunst-Veranstalter, die, vom Staat subventioniert, andere belehren wollen über das, was sie zu akzeptieren haben, selbst erst einmal dazulernen. Zum Beispiel aus der Realität, die gerade in den letzten Jahren viel Anschauungsmaterial dafür geliefert hat, daß "Kunst im öffentlichen Raum" ein kompliziertes, heikles Thema ist, über das offensichtlich noch nicht genügend nachgedacht wurde. Die kleinen und großen Beispiele sind endlos. Nur das prominenteste sei hier genannt; Richard Serras "Tilted Are", eine 37 Meter hohe, geschwungene Wand aus rostendem Corten-Stahl, welche die Leute vom Foley Square in New York erbitterte, weil sie ihren Lebensraum durchschnitt. Seine Skulptur sei "platzspezifisch", sagte Richard Serra bei einem dreitägigen Hearing, bei dem das Pro und Contra zum "Tilted Arc" vorgetragen wurde. Das mag schon sein. Aber ist sie auch "bürgerspezifisch"? Daß Kulturdezernenten und Künstler sich über die Geschichte und das Sozialgeflecht des Raumes, in dem sie arbeiten, oft arrogant hinwegsetzen, schreibt Walter Grasskamp in einem Text zum "Skulpturenboulevard" und fügt hinzu: "Es ist diese Arroganz, welche den Vandalismus zu einem guten Teil provozierte." Wie wäre es, wenn man im NBK wenigstens die selbst publizierten Texte ernst nähme? Petra Kipphoff