Hamburg: „Leon Golub“

Einen diesjährigen documenta-Teilnehmer stellt der Hamburger Kunstverein vor: den in den USA seit langem bekannten Leon Golub. Als politisch engagierter Realist hat der heute Fünfundsechzigjährige sich drüben einen Namen gemacht. In Europa ist er bis jetzt fast unbekannt. Das mag an den Bild-Inhalten, das mag am Stil liegen. Kritischer Realismus und dann auch noch in Wandzeitungsgröße liegt bei uns nicht gerade im Trend. Golubs zornige, niemals ermüdende Parteinahme gegen den Rassismus, gegen den Mißbrauch staatlicher Gewalt in Amerika erscheint dem Welt-Kritiker Hans Theodor Fleming denn auch zu einseitig. Vor ähnlichen Problemen im eigenen Land kneift man lieber die Augen zu: sind doch Ausnahmen. Und wenn die Amis so angegriffen werden, dann müßten von wegen der Ausgewogenheit die Sowjets doch auch ihr Fett abkriegen. Leon Golub spielt so nicht mit. „Ich lebe in Amerika“, sagt er, „zeigen kann und will ich nur, was ich da sehe.“ Nichtsdestotrotz haben seine riesenformatigen Anklagen allgemeingültigen Charakter. Häufig sind Schwarze die Opfer: Die andere Hautfarbe eben, oder der andere Menschenschlag. Deutlich sind die Täter in, aber auch ohne Uniform, staatlich oder gesellschaftlich sanktioniert. Dabei ist das Land, der Ort nicht benannt. Die Figuren stehen, liegen oder sitzen im weitgehend leeren Raum, oft in einer undurchdringlich roten Umgebung, die einzig die Atmosphäre genau benennt: Bluttreibende Aggressivität auf der einen, blutschwitzende Angst auf der anderen Seite. Daß Golub seine Bilder nicht nur für einen Ort, für ein Land malte, ist auch an der besonderen Art zu sehen, mit der er sie strukturiert. Riesengroß sind sie, sehr leicht lesbar. Außerdem sind sie leicht zu transportieren und anzubringen. Golub malt seine Bilder mit Acryl auf stabile Leinwände, läßt diese wie ein Wandbehang ohne Keilrahmen und schlägt am oberen Rand Nieten zum Aufhängen ein. Auch seine Arbeitsweise deutet nicht auf bloße Tageskunst hin. Zu langwierig ist der Prozeß, indem er erst nach Pressephotographien zeichnet, dann Farbe aufbringt, diese mit einem Beil wieder abkratzt, bis ein schrundiges Minimum zurückbleibt. Er nennt dieses Verfahren sein „Derwisch-Prinzip“. (Kunstverein bis zum 10. Mai, Katalog 25,– DM) Elke v. Radziewsky

München: „Enzo Cucchi – Guida al disegno“

Wörtlich übersetzt: also Führer zur Zeichnung, weist der Titel in die falsche Richtung. Die Ausstellung besteht zu einem gewichtigen Teil aus Zeichnungen, nicht allerdings von Cucchi, sondern von van Gogh und Beuys, von Victor Hugo und Barnett Newman (letzterer vertreten durch eine Serie von Radierungen). Offensichtlich fallen jedoch auch die Skulptur von Lucio Fontana und der an die Wand geschriebene Name Pasolini unter den Begriff des designo Cucchi bezieht sich auf die in der Kunsttheorie des Manierismus entwickelte Bedeutung des Wortes, nach der in der künstlerischen Darstellung nur sichtbar wird, was vorher schon im Kopf des Künstlers sich als Idee geformt hat. „Guida al disegno“ heißt folglich Führer zum disegno und damit wird auch Cucchis zunächst irritierendes Konzept verständlich. Er inszeniert nämlich die Begegnung seiner malerischen Arbeiten mit Werken von Kollegen, mit denen er sich durch eine gemeinsame Vorstellung verbunden fühlt. So ordnet er sich ein in einen übergreifenden Zusammenhang, in ein System von Korrespondenzen, er legt Fährten die von der „Wirklichkeit“ – konkret, die in Cucchis Bildern ablesbare künstlerischen Realität – hin führen zu dem „Raum“, in dem er sich bewegt: Zu seinem Umfeld, das durch seine Wahlverwandtschaft etwa abgesteckt wird. Der Ort, den Cucchi in diesem Raum für sich in Anspruch nimmt, bezeichnet die Gegenwart, die jedoch geprägt ist durch „Erinnerung“ – es gibt kein entschiedenes Fortschreiten in die Zukunft, so Cucchi, ohne ein auf lebendiger Erinnerung beruhendes Wissen von der Vergangenheit. Die Ausstellung, aufgeteilt in die Zonen Wirklichkeit, Raum, Erinnerung (wobei die Dritte die beiden anderen auf einer assoziativen Ebene verknüpft) veranschaulicht die Entwicklung künstlerischer Ideen. Die Bilder, Cucchis eigene und die der anderen, setzen sich zu einem Bild zusammen, zum Bild eines Wagens. Van Gogh ist dabei das Chassis, die tragende Struktur, Barnett Newman die Achse, der für die Bewegung notwendige Transmissionsriemen, Beuys, Hugo, Fontana und Pasolini sind die Räder, auf denen der Wagen rollt. Eine durchaus einleuchtende Konstruktion, die allerdings offenläßt, welchen Teil des Kunstmobils Cucchi selbst versinnbildlicht. Ist er der Winker, der die Richtung anzeigt, der Scheibenwischer, der die Sicht klärt oder die Parkleuchte? (Staatsgalerie moderner Kunst im Haus der Kunst bis 17. Mai, Katalog 30 DM) Helmut Schneider

Wichtige Ausstellungen

Berlin: „Hans Arp 1886-1977 – Skulpturen – Bilder – Texte“ (Akademie der Künste bis 17. 5., Katalog 35 DM)

Berlin: „Inszenierung der Macht – Ästhetische Faszination im Faschismus“ (Neue Ges. für bildende Kunst e. V. bis 17. 5., Katalog 34 DM)