Am Ende verbeugten sich nur die Schauspieler und das Regieteam. Fluffy, die Echse, zeigte sich nicht. Auch die Steine, obwohl manche von ihnen Gesichter hatten, kamen in der Applausordnung nicht vor. Die Vögel, die wir einen Abend lang schreien oder zwitschern hörten, zeigten sich auch jetzt nicht, und die verstummten Lautsprecher im Zuschauerraum sahen aus, als hätten sie sich erhängt.

Im Württembergischen Staatstheater in Stuttgart ging nach drei Stunden ein Theaterabend zu Ende, der nach einer Tragödie der griechischen Antike "Alkestis" heißt. Als ihr Erfinder ist uns Euripides überliefert. Die Stuttgarter "Alkestis" aber hatte drei Autoren: Robert Wilson, Euripides und Heiner Müller. Und so sahen wir alles andere als eine griechische Tragödie, eher schon "Death and Destruction", "Alkestis in Detroit", "Euripides’ Schlaf Traum Schrei".

Eine rätselhafte Aufführung blieb diese "Alkestis" bis zum Schluß. Als alle sie schon längst für beendet hielten, kam noch ihr vielleicht stärkstes, Zumindest ihr komischstes Bild: Robert Wilson, der lange Dünne, und Heiner Müller, der kleine Bleiche, traten Hand in Hand zwischen das Ensemble. Das war fast eine Szene aus Wilsons "Die goldenen Fenster", wo Maria Nikiisch plötzlich sagte: "Gestatten Sie mir, uns vorzustellen. Wir sind die Komödianten von der Opera Comique." Dann lachte sie laut und schier unaufhörlich, und aus allen Lautsprechern im Zuschauerraum lachte es zurück.

Wilson – das ist die Eleganz des Zombies, die Genialität des Bluffers. Müller dagegen, man sah es noch nie so deutlich: in Wagners "Ring" ein idealer Alberich und unter den Dramatikern noch immer der pathetischste Maulheld seit Schiller. Zwei wahre Monster also zeigten sich nach ihrem neuesten Streich Hand in Hand beim Schlußapplaus. Mit diesem Bild im Kopf verbrachten wir die Nacht nach dem Ereignis schlaflos.

Den Horizont verstellt auf Wilsons Bühne ein Gebirge, braunes, poröses Gestein. Je länger man auf die dunklen Felsen schaut, desto häufiger entdeckt man in den Steinen Gesichter. Manche haben Nasen, Augen. Lange bewegt sich nichts in dem toten Gebirge. Versteinert steht es da und schweigt. Aber auf einmal löst sich ein Stein und rollt langsam einen Hang hinunter. "Steinschlag, der von den Wanderungen der Toten im Erdinnern ausgelöst wird, die der heimliche Pulsschlag des Planeten sind", würde Müller sagen. Immer mehr, immer größere Felsen bedeckten später die Bühne: "Stone Story" nennt Wilson diese Geschichte der Steine, die die Welt zudecken, in seinen Notizen, die das Programmbuch enthält. Wilsons Gebirge bröckelt. Damit es den "Tiefflug der Engel" nicht länger behindert, würde Müller sagen.

In dieser Landschaft aus Stein, die der Totenfluß wie ein Kanal durchzieht, gellen hell die Schreie der Sterbenden, die durch Lautsprecher verstärkt werden. Dumpf hallt das kehlige Gelächter des Todes durchs Parkett. Auf dem schwarzen Programmbuch wirkt der Name der Alkestis wie eine Grabinschrift. Die ersten Erinnerungen an den Theaterabend am Morgen danach sind düster.

Dabei fand die Premiere, was bestimmt kein Zufall war, am Ostersonntag statt. Draußen wurde eine frohe Botschaft verkündet: Auferstehung. Damit endet auch die "Alkestis" des Euripides. Alkestis, die ihren Admetos so unsterblich liebt, daß sie den Tod auf sich nimmt, um ihm das Leben zu retten, wird am Ende von Herakles aus dem Totenreich zurück ins Licht geholt. Hier aber dämmert ein anderes Ende herauf.