Von Dorothea Hilgenberg

Thöll mustert mich, ich mustere Thöll. Noch weiß ich mehr von ihm als er von mir, mein Nachschlagewerk erweist sich als zuverlässig: Er ist nicht sehr groß, dafür kräftig und muskulös, äußerst zäh und gelenkig, hat große, „lebhafte Augen unter markanten Augenbrauenbögen, hübsche kleine Ohren, die im Dickicht des Stirnschopfes fast verschwinden – typischer Ponykopf“. Da allerdings irrt der Autor. Kein Isländer würde es zulassen, daß man sein Nationaltier zum Pony degradiert.

Es sind Pferde, Kleinpferde (etwa 135 Zentimeter hoch), die auch wohlleibige Erwachsene sicher über Stock und Stein tragen. Pony oder Pferd – auf jeden Fall könnte ihnen auf dem Boden ihrer stürmischen Heimat kein europäischer Warmblüter das Wasser reichen: Sie würden auf den holprigen Pfaden der vulkanreichen Insel kläglich scheitern, sich womöglich Hals und Bein brechen.

Vor allem haben die hochgezüchteten Vierbeiner anderenorts nicht jene vierte, wundersam federne Gangart, die Tempo macht, den Reiter aber weich und bequem durch die Gegend schaukelt. Denn der Tölt ist ein sehr schneller, „kandenzierter“ Schritt, mit dem die von den Wikingern eingeführten Pferde vermutlich auf das unwegsame Gelände reagiert haben. Unsere Gruppe hat sich bald an diese angenehme Eigenschaft gewöhnt und Vergnügen daran, so schwerelos über Gras, Geröll und Gestein zu schweben: aufsitzen, die Zügel locker und das Pferd laufen lassen.

Von Laugarvatn, einer kleinen Siedlung im Südwesten, steigen wir hoch ins Middalur-Gebirge. Eine ganze Weile bewegen wir uns auf schwarzem Lava-Gestein, das einer der unzähligen Vulkane vor langer Zeit ausgespuckt hat. Weiter oben versinken wir dann in grau-schwarzer Lava-Asche, um aber schon kurze Zeit später über Steppe und Wiesen zu tölten, auf denen wir immer mal wieder drei oder vier der 800 000 isländischen Schafe entdecken: Sie springen davon und beobachten aus sicherer Distanz, was die vorüberziehende Karawane vorhat. Das Farbspiel ist extrem: Grau-Schwarz-Grün-Braun, die Berge am Ende der Täler müssen die Ränder eines Kraters sein, denen das Abendlicht scharfe Konturen verleiht. Auch wenn die Schotterpiste, auf der wir hin und wieder reiten, von Autos mit Vierradantrieb und Funk oder Telephon befahren werden kann, haben wir die Zivilisation bereits zurückgelassen (offiziell sind wir immer noch im bevölkerungsreichen Südwesten der Insel).

Irgendwann – wir haben schon zweimal gerastet – entdecken wir die Hütte am Hlödufell (1188 Meter), in der wir am Abend unsere Schlafsäcke ausbreiten werden. Daß sie zum Greifen nah scheint, ist eine der optischen Täuschungen, auf die wir wegen der klaren Luft noch häufig hereinfallen werden. Bis wir dort ankommen, ist noch einmal eine gute Stunde vergangen. „Verrückte gibt es überall“, glaubt Birkir Thorkellsson, ein Lehrer aus Laugarvatn und Leiter unserer kleinen Expedition. Er meint den deutschen Studenten, der mit zwanzig Kilo Gepäck zu Fuß unterwegs ist – allein von Hütte zu Hütte. „Island ist kein Land zum Wandern“, nicht sportlich, sondern leichtsinnig sei ein solches Abenteuer. Nicht weit von hier hat man jedenfalls früher die Verbrecher ausgesetzt und zu Recht darauf spekuliert, daß sie umkommen würden. Die Einsamkeit Skandinaviens ist nicht die Einöde Islands.

Ein Reiter lebt da weniger gefährlich – und trotzdem kühn. Der Ritt querfeldein nach Geysir entpuppt sich als furiose Berg-und-Tal-Fahrt. Im Tölt, im Schritt – und mal zu Fuß – fühlen wir uns wie lonesome cowboys. Wir stolpern über bemooste Buckel und bröckelndes Urgestein, fegen über Grasflechten und Gestrüpp, stapfen durch quietschenden Sumpf – hoch, herunter und wieder hoch.