Das Berliner Jubiläum und die deutsche Frage

Von Marion Gräfin Dönhoff

Welch eine Stadt, dieses Berlin, das jetzt seinen 750. Geburtstag feiert. Es gibt wohl keine andere Metropole, die die Geschichte in wechselvoller Folge so hoch hinaufgetragen und dann wieder so tief hinabgestürzt hat – tief hinab in unbekannte Abgründe.

Was haben die Straßen und Plätze Berlins alles allein in den letzten 120 Jahren gesehen und erlebt? Den aufkommenden Pomp der Kaiserzeit nach der Reichsgründung und die damit verbundene Aufblähung des Regierungszentrums, die sich rein äußerlich darin manifestierte, daß alle obersten staatlichen Institutionen nunmehr in doppelter Besetzung existierend; denn jetzt war Berlin ja nicht mehr nur die Spitze Preußens, sondern es war auch die Hauptstadt des Reiches. Es gab also den Bundesrat, den Reichstag, und es gab weiter das, was es schon immer in Preußen gegeben hatte: das Preußische Herrenhaus, den Preußischen Landtag, das Staatsministerium mit den preußischen Ministern unter dem preußischen Ministerpräsidenten, der stets identisch mit dem Reichskanzler gewesen ist. Über ihnen thronte der preußische König, der nun zugleich auch deutscher Kaiser war.

Berlin damals, das waren elegante Equipagen, Hofmarschälle, Hofprediger, Geheimräte, Wirkliche Geheime Räte und viele Exzellenzen; pseudogotische Bahnhöfe und Postämter und später dann die schimmernde Wehr und der Kult mit "unseren blauen Jungs". Vieles war ein wenig Talmi, ein bißchen nouveau riche, anderes aber war ganz solide und wirklich Spitzenklasse in der Welt. Beispielsweise die deutsche Wissenschaft, die Forschung in der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, die Schar der großen Gelehrten. Die enge Zusammenarbeit von Wissenschaft und Industrie galt zu jener Zeit der ganzen Welt als Vorbild.

Dann kam der Erste Weltkrieg. Er begann mit bramarbasierenden Reden und siegesgewissen Marschliedern; aber nach einiger Zeit klang das Lied, das die ins Feld Ziehenden damals sangen, immer wehmütiger: "Wer weiß, ob wir uns wiedersehn am grünen Strand der Spree ..." Vier Jahre später war alles dahin: die Pracht und der Reichtum, die schimmernde Wehr, die Flotte, die hierarchische Gesellschaft. Bald wurde in den Berliner Straßen nur noch Armut und Ratlosigkeit demonstriert, die während der Inflationsjahre zu Elend und Verzweiflung wurden. Schließlich steigerte sich die Radikalisierung links wie rechts, bis die Mitte mehr oder weniger aufgezehrt war. Hitler Mitte im Sportpalast, seine Gefolgsleute prügelten sich mit den Kommunisten – Blut floß in den Straßen und Hinterhöfen von Berlin.

Und dann der "Führer". Schrecken und Erfolg halten das Volk in Atem. Laut hallt der Marschtritt der SA-Stiefel durch die Straßen. Kraftvoll klingt es und zukunftsgewiß. Wenn die Braunen sich sammeln, dann dröhnt ihr "Sieg Heil! Sieg Heil!" wie eine heranbrandende Woge.