Eines der ersten Photos in dem Buch „Vom Kolonialismus zum Tourismus – von der Freizeit zur Freiheit“ wirkt erschreckend und beschämend. Es zeigt eine weiße Touristin, die, umringt von Halbwüchsigen, am Strand von Sri Lanka hockt. Die Strandjungen sind bekleidet. Die Touristin trägt außer einer Sonnenkappe nichts. Sie gehört zu jenen nicht eben seltenen Touristen, die anscheinend nie darüber nachdenken, daß in fremden Ländern, vor allem in der „Dritten Welt“, völlig andere Wert- und Moralvorstellungen, Sitten und Gebräuche herrschen. Oder die meinen, im Urlaub ginge sie das nichts an.

Sich „oben ohne“ oder ganz nackt in der Öffentlichkeit zu zeigen, ist nicht nur in Sri Lanka gleichbedeutend mit einer Beleidigung des Landes. Es zeugt auch von großer Respektlosigkeit. (Was würde bei uns geschehen, würden sich dunkelhäutige Ausländer/innen nackt im Freibad einer Kleinstadt zeigen?)

In Sri Lanka und anderswo schluckt man die Rücksichtslosigkeit. Schließlich handelt es sich um „Weiße“, die dringend benötigte Devisen ins Land bringen. Wie stark scheinbar überwundenes koloniales Denken das Verhalten von Touristen noch immer bestimmt, will der Autor Ueli Mäder deutlich machen. Der Soziologe und Sekretär des Baseler „Arbeitskreises Tourismus und Entwicklung“ schildert anhand zahlloser Beispiele wirtschaftspolitische Verflechtungen und Abhängigkeiten, Diskriminierung und Rassismus zu Kolonialzeiten ebenso wie heute.

Noch immer existieren die Menschen anderer Erdteile als Zerrbilder im Bewußtsein der „Weißen“. Die Zahl der von Vorurteilen beladenen Schilderungen reicht zurück bis zu Schriftstellern wie Jules Verne, Mark Twain, Karl May und Edgar Wallace. Der oft unbewußte Rassismus und Ethnozentrismus hat seine Wurzeln im Kolonialismus.

Ein Schreiben, das 75 Deutsche in Deutsch-Südwestafrika (heute Namibia) im Jahr 1900 an das Auswärtige Amt schickten, verdeutlicht die Einstellung fast aller Kolonialisten. In der Eingabe wehren sie sich gegen die Aufhebung der Prügelstrafe für Schwarze, weil sie sonst „eine ernstliche Bedrohung der gesunden wirtschaftlichen Entwicklung sehen“. Denn „unsere Eingeborenen leben seit Urzeiten in Faulheit, Rohheit und Stumpfsinn in den Tag hinein. Je schmutziger sie sind, desto wohler fühlen sie sich. Für jeden Weißen, der unter Eingeborenen gelebt hat, ist es nicht möglich, dieselben als Menschen im europäischen Sinne anzusehen... Als Strafe muß die körperliche Züchtigung naturgemäß beibehalten werden, bis er einmal Mensch geworden ist“.

Reiseveranstalter bieten auch im Jahr 1987 „Expeditionen zu kriegerischen Primitivstämmen, Kopfjägern, Kannibalen, Seezigeunern und Eingeborenen wilder Stämme“ an, die durchgehend „primitiv, wild, steinzeitlich, aggressiv“ und so weiter sind. Unterstützt werden sie dabei sogar von Wissenschaftlern, insbesondere Völkerkundlern.

Ob Handelsgesellschaften, Politiker, das Militär oder Missionare: Alle trugen sie dazu bei, daß die Welt unter den Kolonialmächten aufgeteilt wurde, ohne Rücksicht auf traditionelle Strukturen und kulturelle Einheiten, um sie fortan ungestörter ausplündern zu können. Mäder führt dem Leser die leidvolle Geschichte des Kolonialismus vor Augen. Julius Nyerere sprach vielen Landsleuten aus der Seele, als er sagte: „Von allen Verbrechen des Kolonialismus war keines schlimmer als der Versuch, uns glauben zu machen, daß wir keine eigenständige Kultur vorzuweisen hätten oder daß das, was wir hatten, wertlos sei.“