Am Anfang des Büchleins Gewitter, am Ende dann wieder. Am Anfang schien der Held gerichtet, jetzt scheint er gerettet. Gestern noch, vor dem Gewitter, hatte Jonathan Noel beschlossen, sich heute das Leben zu nehmen. Doch heute morgen, nach dem Gewitter, nach dem großen Knall, scheint die Schöpfung wieder von vorne zu beginnen. Es regnet, Gott segnet, I’m singin’ in the rain.

Und Jonathan Noel, der Wachmann und Saubermann, ein korrekter Herr über fünfzig, verwandelt sich in das Kind zurück, das er immer geblieben ist. „Er patschte mit Fleiß durch die Pfützen, er patschte mitten hinein, er lief im Zickzack von Pfütze zu Pfütze, wechselte sogar einmal die Straßenseite, weil er drüben auf dem anderen Bürgersteig eine besonders schöne, weite Pfütze sah, und stapfte mit platten, patschenden Sohlen hindurch, daß es nur so spritzte gegen die Schaufenster hier und die geparkten Autos dort und gegen seine eigenen Hosenbeine, es war köstlich ...“

Es ist auch ein Märchenmoment, der da passiert; der große Regen auch ein Jungbrunnen, in welchem der versteinerte, vertrocknete Mann Noel ins Leben wiedererwacht. Freiheit!, denkt der gerührte Leser. Aber kaum hat er’s gedacht, sagt’s ihm der Autor noch mal, ganz ausdrücklich. „Es war köstlich, er genoß diese kleine kindliche Sauerei wie eine große, wiedergewonnene Freiheit.“

Das ist genau ein Satz zuviel. Und er ist leider typisch für ein Prosastück, in dem ständig die Erklärung der Erzählung die Luft abschneidet.

Jonathan Noel, das ist der durchschaute, der durchschaubare Held. Die „Menschmaschine“, sagt Süskind. Und, als sei damit noch immer nicht alles klar: „die Marionettenmenschmaschine“. Entweder weiß der Autor zuviel von seinem Helden. Oder er plaudert zu viel von seinem Wissen aus. So ist „Die Taube“ der sehr sonderbare Fall eines makellos konstruierten, glänzend geschriebenen, doch leeren Buches geworden. Voller Spannung, ohne Geheimnis. Geschmackvoll, aber geruchlos.

Dabei könnte Jonathan Noel ein wahrhaft beunruhigender Held sein. Langweiler und Schreckensmann. Einer, der lebt, ohne eigentlich zu leben. Erstarrt, verwunschen, wie im bösen Bann. Wieder, wie im „Parfüm“, lebt Süskinds Held monomanisch einer einzigen Leidenschaft: Herr Grenouille der Lust an den Düften, Herr Noel der Wollust der Sauberkeit. „Wunschloses Unglück“ wäre eine viel zu dramatische Bezeichnung für Noels Existenz. Sie ist das wunschlose Nichts. Wenn es überhaupt eine Hoffnung gibt, dann die, „endlich jenen Zustand von monotoner Ruhe und Ereignislosigkeit zu finden, der das einzige war, wonach er sich sehnte“.

Leider hat Süskind nicht die Verschwiegenheit, Noels Versteinerung als böses Rätsel, schwarzen Fluch hinzunehmen. Er sucht (und findet verdächtig schnell) die sogenannte schlüssige Erklärung. Als Jonathan ein Kind war, im Krieg, ist erst die Mutter, dann der Vater spurlos verschwunden, gewaltsam verschleppt worden. Damals, beim großen Gewitter. Aus jenem traumatischen Schock ist Jonathan Noel dann nicht mehr aufgewacht. Wenn etwas passiert im Leben, so hat es das Kind gelernt, dann ist es immer die Katastrophe. Also soll, bitte-bitte, nie mehr etwas passieren!