Von Horst Vetten

Eines Tages wurde der Trainer fünfzig. „Champagner-Willy“, eine bisweilen 230pfündige Münchner Leutseligkeit, richtete deshalb an einhundertfünfzig Gesinnungsfreunde die Frage, ob sie an einem hellichten Werktag gewillt seien, diesen Sachverhalt zu begießen.

Alle folgten dem Ruf Champagner-Willys, des Präsidenten Willy O. Hoffmann, in eine Münchner Bierhalle. Dort hielt der weißblaue Bacchus, ein artistischer Mitwisser des Geheimnisses vom Geld, teils Steuerberater, teils Anlagevermittler, teils Inhaber von Waschsalons und einer Hotelkette, eine herrlich ungeordnete Rede, deren Übersetzung in der Lokalpresse er am nächsten Tag bestaunt haben mag.

Wie sich dann bei Udo Latteks, des Trainers, Geburtstagsbier, -pressack und -leberkäs die Huldigung zum Ständchen „Hoch soll er leben“ steigerte, das ist noch als normal anzusehen und nicht typisch münchnerisch. Daß aber dann der Präsident in einem kreativen Schub eine zweite Strophe mit der Anfangszeile „Meister soll er werden“ ersann, der dichterische Höhenflug zu einem Anschlußvers jedoch nicht ausreichte, er aber mit der Gewalt des Mikrophons in der Faust dreimal frisch an- und alle überstimmte, und dies jedesmal in einer neuen, stets aber falschen Oktave; daß dann alles im Gelächter jenseits aller Feierlichkeit endete – das ist Bundesliga auf Bajuwarisch.

Den Umstand, daß die Münchner, um ihr Bundesligageschäft zu betreiben, der Hilfe eines ostpreußischen Trainers, eines belgischen Torhüters (Jean-Marie Pfaff), eines dänischen Stürmers (Lars Lunde) und eines schwäbischen Managers (Uli Hoeness) bedürfen, sehen die Bayern längst nicht mehr so eng. Tucholsky hat diesen Wesenszug schon vor einem halben Jahrhundert erkannt, als er hinterm Loden und unterm Filz der Bayern „...schlampige Preußen“ ausmachte.

Es geht nirgendwo so zu wie auf der Welt, heißt es in Bayern, aber besonders geht es in Fußball-München zu. Fünf Tageszeitungen, davon drei Boulevardblätter, registrieren jede Zehennagelbett-Entzündung eines Jünglings namens Michael Rummenigge. Das ist ein 23jähriger reingschmeckter Westfale, der hier berufshalber Fußball spielt. Diverse private Rundfunkstationen haben hier die Fußballszene als Unterhaltungsnummer entdeckt. Helmut Markwort, mehrfacher Chefredakteur der Gong-Gruppe und seit Inbetriebnahme von „Radio Gong 2000“ gewissermaßen auch „Intendant“, eilt höchstselbst ins Olympiastadion und versucht, die Bayern lokalpatriotisch per Live-Reportage zum Sieg zu schreien. Er ist Hesse.

Der öffentlich-rechtliche Bayerische Rundfunk handelte im Fernsehen den bewegenden Rücktritt des Fußwerkers Paul Breitner tagelang wie eine geheime Kommandosache und verkaufte ihn schließlich ungefähr so wie eine neue Version vom Tode König Ludwigs des Zwoten. Der Öffentlichkeitsarbeiter und Jurist Manfred Köhnlechner nestelt in seinem Nebenberuf als Naturheilkundler am liebsten an Fußballkaiser Franz Beckenbauers Waden. Die TV-Entertainerin Antje Kühnemann lehnt sich für die Photographen gerne an die Schulter der Fußballrecken vom FC Bayern. Der frühere Oberbürgermeister „Knödel“ Kiesl stemmt den Humpen bevorzugt im „Bayern“-Kreise.