Nicht nur für Politiker, Diplomaten und Journalisten ist Washington, die Hauptstadt der Vereinigten Staaten, ein interessantes Ziel, nicht nur für Geschäftsleute, die von hier aus zu den wachsenden Technologiezentren in den angrenzenden Bundesstaaten Maryland und vor allem Virginia weiterfliegen. Washington eignet sich vor allem für Touristen als Einfallstor nach Amerika. Die Stadt kann manchem Novizen die Scheu vor einer Reise in das unbekannte Land nehmen, denn am Flughafen Dulles empfängt ihn nicht die Hektik New Yorks, noch (bis auf den Hochsommer) die tropische Hitze Miamis. Der Gast wird von keinerlei exotischen Eindrücken überwältigt. Er kann sich in einer ruhigen und überschaubaren Umgebung an Amerika gewöhnen.

Das fällt in Virginia besonders leicht. Dort, wo die amerikanische Geschichte begann, ist vieles europäisch dimensioniert. Die Landschaft erschlägt nicht, sie erinnert mit sanften Hügeln und kleinen Städten an Gegenden in der Alten Welt. Ruhige Strände laden ein und auf dem geschichtsträchtigen Boden häufen sich die Sehenswürdigkeiten. Mount Vernon, der Wohnsitz George Washingtons, zählt dazu oder das 1607 gegründete Jamestown, der Geburtsort Amerikas und der Heldenfriedhof Arlington mit dem Grab John F. Kennedys. Eine besondere Attraktion Virginias ist Williamsburg. Die restaurierte Kolonialstadt vermittelt die Illusion eines Lebens von vor 200 Jahren und eignet sich gut zu einem geruhsamen Kurzurlaub in der Vergangenheit.

Und dann natürlich Washington, DC als touristischer Magnet. Bisher lag es etwas abseits der Wege, die deutsche Besucher in Amerika betraten. Dabei kann die Kapitale vieles bieten, was der Gast in Manhattan oder San Francisco, in Las Vegas oder New Orleans vergebens sucht – die Darstellung politischer Macht und einer dynamischen Geschichte. All die Begriffe, die für oft schicksalshafte politische Entscheidungen stehen, bieten sich in steingewordener Realität dem Anblick (und in einigen Fällen auch zum Besuch) dar – das Weiße Haus und die Parlamentsgebäude auf dem Kapitolhügel, das State Department und das Pentagon

Wer nicht nur auf ästhetische Freuden aus ist, sondern auch hinter die Chiffren für weltweite Macht blicken will, ist in Washington am richtigen Platz. Historische Patina wird zusätzlich offeriert, selbst wenn die Hauptstadt relativ jung ist. Wie Amerika mit seiner Geschichte umgeht, welche Denkmäler es seinen Helden baut, das offenbaren in Washington die Washington-Säule, die Jefferson-Halle oder das neue beeindruckende Monument für die Vietnam-Gefallenen.

Gerade auch in der Kapitale läßt sich das Vorurteil über die Kulturdefizite der Neuen Welt überwinden. Allein der Besuch der Museen an der großzügigen Mall genügt für ein wochenfüllendes Programm zum Kennenlernen der Schätze einer reichen und geschichtsbewußten Nation. Von der Raumkapsel (Luft- und Raumfahrtmuseum) und Gutenberg-Bibel (Kongreßbibliothek), von einer ansehnlichen Sammlung französischer Impressionisten (Nationale Kunstgalerie) bis zur Indianerkunst (Nationalmuseum für amerikanische Geschichte) reicht das Angebot. Es wird in seiner Vielfalt so leicht von keiner anderen Hauptstadt der Welt überboten.

Washingtons Rhythmus, der doch schon weitgehend vom Süden geprägt ist, erleichtert das Kennenlernen. Das Tempo ist trotz aller Geschäftigkeit der Mächtigen oder derer, die sich dafür halten, dezenter als in vielen anderen Metropolen des Landes. Selbst Genießer werden sich in der Stadt der großen Politik wohl fühlen. Das amerikanische Einheitsmenü, das bis vor ein, zwei Jahrzehnten die kulinarische Szene bestimmte, ist längst einer erstaunlichen Vielfalt gewichen.

Noch mehr als anderswo in Amerika halten die weitgehend spesengestützten Washingtoner inzwischen eine Menge von gutem Essen. Das schlägt sich nieder in einer wachsenden Zahl von erstklassigen Restaurants. Sie wird nur noch von der imponierenden Palette der Luxushotels übertroffen. Wahrscheinlich gibt es nirgendwo anders auf der Welt ein so beeindruckendes Angebot an erstklassigen Herbergen wie in Washington. Das ist nicht zuletzt damit zu erklären, daß jede Hotelkette von Ruf mit mindestens einem Haus in der Hauptstadt vertreten sein will. Demnächst wird auch das deutsche Unternehmen Kempinski Flagge zeigen, das eine geeignete Unterkunft für die erwarteten deutschen Touristen schaffen will. Dieter Buhl