Von Ursula Bode

Ich ging zum Grand Palais, als niemand dort war. Ich ging als strenger, sehr strenger Kritiker. Die Gesamtheit der Exponate bewegte mich tief. Ich hielt mich nicht mit Einzelheiten auf, sondern betrachtete den Umfang meines Gesamtwerks. Ich hatte das eindeutige Gefühl, ehrlich gearbeitet zu haben. Ich will nicht sagen, daß ich erreicht habe, was ich wollte, das nicht, niemals; aber ich bin ein ehrlicher Typ gewesen."

Ein symphatischer Mann, dieser Joan Miró, der da 1974, einundachtzigjährig, in Paris sein Œuvre inspizierte – eine Fülle aus vielen Jahren ehrlicher Arbeit mit ihren Abschweifungen und Verästelungen. Was auch Besuchern damals vergönnt war, eine Gesamtschau, konnte man jetzt im Rheinland kurzzeitig (und reisend) erfahren. Ein Lebenswerk, mit Autobahn dazwischen. Mirós Malerei in der Düsseldorfer Kunsthalle. Mirós Plastik im Museum Ludwig in Köln. Da der internationale Kunst-Wanderzirkus sich um Terminabsprachen und Wegführungen wenig schert, war die Zeit der Begegnung von Miró zu Miró auf knappe zwei Wochen beschränkt.

In Düsseldorf werden nun die Bilder wieder verpackt – die frühen fauvistisch blühenden Landschaften, die kubistisch inspirierten bäuerlichen Stilleben, all die Bildchiffren des Malers, die Sonnen und Monde und Sterne und Frauenkörper, die sein Werk tragen, und die so viel sinnlicher und zarter sein können, als manche Auflage seiner weithin verbreiteten Druckgraphik ahnen läßt. Die Botschaften des surrealistischen Katalanen, so leicht konsumierbar sie auch erscheinen mögen, sind mehrdeutig, vielschichtig, nicht bloß ewige Heiterkeit. Seine lyrischen Symbole besitzen Schärfe und Kraft. Seine transparenten Bildgründe sind keine Gefilde der Seligen; sie bieten den aus der Wirklichkeit abgeleiteten Zeichen des Lebens einen Raum. Sie sind Botschaften handgreiflichen Glücks und irdischer Trauer.

Die sinnliche Erfahrung seiner Ursprünge in Katalonien hat der Spanier Miró immer wieder betont: "Wir Katalanen glauben, daß man immer mit den Füßen auf dem Boden sein muß, wenn man die Fähigkeit haben will, hoch in die Luft zu springen. Die Tatsachen, daß ich von Zeit zu Zeit auf die Erde herunterkomme, macht es mir möglich, um so höher zu springen." Über dieses Zitat ist der Weg zur Plastik Mirós nicht schwierig. Denn sie lebt von der Schwere des Materials wie von der Leichtigkeit geistiger Luftsprünge. Sie ist inspiriert von einer assoziationskräftigen, ja equilibristischen Phantasie und doch von schlagender Einfachheit.

Man muß dem Künstler nur folgen in seinen radikalen Vereinfachungen der Wirklichkeit: Ein dreibeiniger Holzbock, eine bemalte Scheibe, eine hölzerne Gabel, das ist eine "Person auf drei Beinen". Und die vielen "Frauen", mit denen Miró sich umgibt? Schwer wie amorphes Gestein, mächtig wie archaische Muttertiere lagern die bronzenen Massen, die er so nennt. Auch schlank und heiter können sie emporwachsen, munter aus einzelnen. Fundstücken zusammengebaut und für Miró ein einziges magisches Wesen geworden.

Als er seine ersten plastischen Objekte baute – zum Beispiel 1931, zusammen mit Alexander Calder – bediente er sich für seine meist geometrischen Kompositionen der surrealistischen Kombinationsmethode. Die Hinwendung zum Objekt, zur Vereinigung vorgefundener, vorgefertigter Dinge war eine Abkehr von der Malerei, die Suche nach dem poetischen Gegenstand, der Wunsch, mit phantastischen Zeichen in den Raum vorzudringen. Erst von der Mitte der vierziger Jahre an beschäftigte sich Miró gezielt und kontinuierlich mit der Plastik, wobei er mehr und mehr dazu überging, seine "objets trouvées" in Auflagen von zwei bis vier Exemplaren in Bronze gießen zu lassen.