Politik ist – neben anderem – auch die Kunst, den Gegner dort kämpfen zu lassen, wo man selbst gar nicht mehr hin will. Die alte Strategenweisheit kam mir in den Kopf, als ich dieser Tage las, wieder einmal las, die Studenten seien faul und dumm, von 118 Abiturienten wüßten 118, was "Die Straßen von San Francisco" sind, aber nur 9, was "Schloß Gripsholm" ist, und der Bekanntschaftsgrad von Prof. Weizsäcker zu Prof. Brinckmann verhalte sich wie 29:113. "Du bist wie eine Blume"? Totale Fehlanzeige. Und so weiter.

Da sehen wir, wie die Kassiererin, die uns allmittäglich den "Burger" über den Tresen reicht, nur noch Symbole und keine Zahlen mehr drückt, und Kurt Vonnegut berichtet von vierzig Millionen Analphabeten in den USA, die nicht einmal überprüfen könnten, ob tatsächlich in der Bibel steht, was ihnen ihre Fernseh-Fundamentalisten so alles erzählen.

Dort also liegt die Zukunft, und angesichts dessen fragen wir uns wieder einmal, was eigentlich all die Lamenti über den Verlust der Fähigkeit, Gedichte aufzusagen, was die Debatten über die Qualität des Deutschen Abiturs und den Kulturschwund wg. reformierter Oberstufe eigentlich sollen. Gelten die Sorgen Goethe oder dem politischen Gegner, sollen sie den Landeskindern im Sonnengürtel kleine Starterleichterungen verschaffen, will man nur die viel zu vielen Ministerialbeamten beschäftigen?

Es ist unklar und wahrscheinlich komplex. Klar ist nur, daß die Klagen von Philologen und Computer-Herstellern über die Dummheit der Nachwachsenden, daß die Streitereien der Bildungspolitiker über den Rang regionaler Reifeprüfungen den ritterlichen Übungen rivalisierender Kavallerieoffiziere gleichen, die ihre Säbel zeigen, mit ihren Epauletten glänzen und sich über die Eleganz und Tüchtigkeit ihrer Pferde zerstreiten – während die Panzer schon über die Ebene brausen.

Und wir beschließen, keinen dieser besorgten Humanisten mehr ernst zu nehmen, keines dieser Lamenti über die schwindende Allgemeinbildung und den Verfall des Gymnasiums, solange die Parteien dieser Bildungspolitiker jene Bildungspolitik betreiben, der wir das Bildungsinstitut "Neue Wellen" verdanken und die Zerstörung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und "Die Straßen von San Francisco" und das "Traumschiff" und die "Guldenburgs" auf dreißig Kanälen rund um die Uhr. Dies ganze Bildungs-Gejammere ist doch nichts als nur ein Ablenkungsmanöver.

Mathias Greffrath