Die Pershings sind entbehrlich, doch die Abschreckung muß bleiben

Von Christoph Bertram

Wenn die Westeuropäer nicht aufpassen; könnten sie sich bald zwischen allen Stühlen wiederfinden. Da haben sie Amerika zur Null-Lösung bei den Mittelstreckenraketen gedrängt – und nun, da diese in greifbare Nähe rückt, wächst bei den Nato-Europäern das Unbehagen. Da haben sie die beiden Weltmächte immer wieder zu Gipfeltreffen und zur Abrüstung aufgefordert – aber schon seit dem gescheiterten Island-Rendezvous vom vergangenen Oktober mehrt sich die europäische Sorge, die Großen könnten den Rat vielleicht zu sehr beherzigen. Da haben die Regierungen Westeuropas, vor allem die in Bonn, eine Null-Lösung bei den weiterreichenden Mittelstreckenraketen (1000 bis 5000 Kilometer) lautstark mit einer zufriedenstellenden Beschränkung der sowjetischen Raketen mit kürzeren Reichweiten (500 bis 1000 Kilometer) verbunden – aber der Vorschlag Michail Gorbatschows, sämtliche 130 sowjetischen Raketen in dieser Kategorie doch einfach abzuschaffen (und damit auch den Westen insofern auf Null zu verpflichten), will manche Europäer auch nicht zufriedenstellen.

Wen wundert es dann, wenn die Weltmächte spotten? Das sei doch wirklich kein Grund zur Panik, tönt es aus Amerika. Und ein sowjetischer Regierungssprecher amüsiert sich, die Europäer wollten wohl – wie es in dem Untertitel zu dem schönen Dr. Strangelove-Film über einen verrückt gewordenen Atom-General heißt – „aufhören, sich zu ängstigen, und statt dessen lernen, die Bombe zu lieben.“

Gorbatschows Sonderangebot

Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Nicht die Europäer, die sich einiges darauf zugute hielten, drängen nun die Weltmächte zur Abrüstung, sondern die Großen drängen die Kleinen, ihnen keine Knüppel zwischen die Beine zu werfen. Präsident Reagan, der so lange mit der Abrüstung wenig im Sinn hatte, beschwört nun die Möglichkeit einer „historischen Übereinkunft über die Ost-West-Beziehungen“ noch in diesem Jahre. Generalsekretär Gorbatschow möchte sichtlich nur zu gern zu dem lange verabredeten Gipfeltreffen nach Washington reisen und dort ein Abkommen unterzeichnen. Außenminister Shultz mahnte in Brüssel die Verbündeten, rasch zu einer gemeinsamen Linie zu finden. Im Mai soll es nun soweit sein.

Aber die europäischen Nato-Regierungen, die um den ovalen Brüsseler Ratstisch versammelt waren, zeigten vorerst weniger Begeisterung als die Aussicht auf den Abbau von über 1000 sowjetischen Atomwaffen hätte vermuten lassen. Ihnen ist die Abrüstung durch Ausverkauf, wie sie Michail Gorbatschow zur Zeit betreibt, nicht ganz geheuer. Der Kremlchef benimmt sich in der Tat wie die Porzellanverkäufer auf Londoner Wochenmärkten, die ihre Waren nicht durch Preissteigerung, sondern durch Preisminderung an den Mann bringen: „Dieses Service, bestes Fabrikat, kostet nicht vierzig Pfund, nicht dreißig Pfund, sondern – zum ersten, zum zweiten, zum dritten – nur fünfzehn Pfund!“ Westeuropa hält das Sonderangebot Gorbatschows in Händen, aber die rechte Freude an dem Schnäppchen will sich nicht einstellen.