Italien 1942. Das Land steht kurz vor der amerikanischen Invasion (im Süden) und der deutschen Okkupation (im Norden). In der Poebene dreht Graf Luchino Visconti seinen ersten Film: „Ossessione“. Visconti hat bei Jean Renoir assistiert und aus Frankreich die Übersetzung eines amerikanischen Romans mitgebracht: James M. Cains „The Postman Always Rings Twice“. Der Ästhet geht mit dem Roman um, als würde er ein Schwein ausnehmen, wie ein Kritiker schreibt. Cains Buch spielt Schicksal nach einer griechischen Melodie: Und die Nemesis kriegt dich doch. Der Mann, der seinen Rivalen tötet, um mit dessen Frau zusammenzusein, verliert sie doch bei einem Unfall und wird dafür zum Tode verurteilt. Aus dieser Laufbahn gibt es kein Entkommen.

Cains Romane sind perfekte Maschinen: Die Personen rasen wie aufgezogen in ihren Untergang. Mit Romantizismen wie amour fou hat dieser leidenschaftliche Masochismus nichts zu tun. Die aus dem Maschinengewehr ratternden Sätze Cains lassen nicht einmal eine Andeutung von Gnade durchscheinen. Pardon wird nicht gegeben, nur Angst, Terror, Tod, aus, Amen.

Visconti las den Roman anders. Er merkte wohl, daß „The Postman Always Rings Twice“ von einem Mann geschrieben war, der eigentlich Opernsänger werden wollte. Diese pathetische Unterströmung im Buch äußert sich bei Visconti in den Verdi-Darbietungen des betrogenen Ehemanns. Gegen den faschistisch-heroischen Stil seiner Zeit inszenierte Visconti ein Italien, das es so in den offiziellen Kulturäußerungen nie gegeben hatte. Ausgerechnet der Aristokrat sieht das Elend, die Niedrigkeit, den Dreck, vor allem aber die Sehnsucht nach dem bißchen Liebe und Leidenschaft, das einen von der Allgewalt der Politik erlöst.

Visconti war wohl gleichermaßen von den Augen Clara Calamanis und der rohen Schönheit Massimo Girottis fasziniert, so wie sich dieser nicht zwischen dem „Spanier“ (den der Regisseur hinzuerfand) und der Frau seines Arbeitgebers entscheiden kann. Die Besessenheit seiner Personen hat kein Ziel, sie kann sich auch nicht erfüllen. In dieser armseligen Welt gibt es nichts Schönes als Anhaltspunkt. Das Elend straft die Verdi-Arien Lügen. Aber unter Viscontis Augen erhalten diese Menschen eine Würde, wie sie sonst nur die Oper erlaubt. Wer „Ossessione“ nicht als neuer Mensch verläßt, hat von großer Kunst nichts begriffen.

(Viscontis Debütfilm ist demnächst zum erstenmal in voller Länge im Kino zu sehen.) Willi Winkler