Ein Kapitel Literaturgeschichte zwischen Salzburg, Linz und Wien

Von Willi Winkler

Jochen Jung ist derzeit nicht zu beneiden. Wenn der Cheflektor und Geschäftsführer des Residenz Verlags angerufen wird, kann es vorkommen, daß er statt eines Namens nur schallendes Gelächter hört. Das literarische Österreich weidet sich an Jungs Pech wie seinerzeit an der öffentlichen Abwatschung des Komponisten Gerhard Lampersberg durch den Holzfäller Thomas Bernhard. „Ich fühle mich beschissen“, sagt Jung, und das klingt vor den mit viel Buchdeckel-Kunst behängten Wänden des Hauses in der Salzburger Gaisbergstraße fast ein wenig unfein.

Beschissen hat ihn ein Autor, den Jung „menschlich sehr sympathisch“ fand und der ihm als „einleuchtende Figur“ vorgekommen war, als er im letzten Sommer hier vorsprach. Franz Josef Czernin hatte Jung Gedichte angeboten, die um das Thema Reisen kreisten und die der Lektor als „exakt und philosophisch, existentiell und witzig zugleich“ lobte. Wie sollte er auch ahnen, daß diese Lyrik, die sein Wohlgefallen fand und die seit Anfang März unter dem angenehm zwischen Jules Verne und Julio Cortázar säuselnden Titel „Die Reisen – In achtzig Gedichten um die ganze Welt“ vorliegt, ausschließlich für ihn und seinen Verlag geschrieben wurde, um damit ein Exempel für die „Infantilität des herrschenden Literaturbegriffs“ zu statuieren?

Was bisher geschah:

Im Frühsommer 1986 erdachten sich Franz Josef Czernin und sein Freund Ferdinand Schmatz eine Dichterin namens Irene Schwaighofer, die, „schon bald mit den geläufigsten Modernismen vertraut, nicht lange gebraucht hatte, um ihre ureigenste Schreibweise zu finden“. Diese „ureigenste Schreibweise“ kam zustande, indem die beiden Trickser Wörter sammelten, die ins Begriffsfeld „Reise“ gehörten (also Ferne, Weg, Ziel, Füße, Schuhe, Augen), und nach Maßgabe von Permutation und Aleatorik leichthändige und -füßige Verse fabrizierten. Die ersten der achtzig Reisegedichte entstanden noch in gemeinsamer Arbeit, die folgenden tauschte man auf Postkarten aus, die zwischen Wien und Altaussee hin und her gingen.

Weil es zu lange gedauert hätte, Irene Schwaighofer, die unbekannte Lyrikerin, über Zeitschriftenbeiträge und Rundfunklesungen aufzubauen, wurde Czernin zum alleinigen Autor bestimmt. Zufällig hatte er eben einen Brief von Jochen Jung erhalten, mit dem ihn dieser seiner Sympathie versicherte. Obwohl er ihm sein in mühsamer Arbeit entstandenes Hauptwerk „Die Kunst des Sonetts“ abgelehnt hatte, bezeugte Jung weiter Interesse an dem Autor Czernin.