Mit stechendem Blick mustert Hans-Jürgen Buchner sein Publikum – wie ein Deutschlehrer, der überlegt, ob er seiner ungezogenen Klasse nun zur Strafe ein Diktat aufbrummen oder alles nicht so ernst nehmen soll. Dann entscheidet er sich für ein Lächeln, sein Oberlippenbärtchen fliegt an den Enden in die Höhe. Mit dem nächsten Lied, sagt er, hat er sich selbst gemeint – „Du Depp“. Wer aus der „Haindling“-Gemeinde kennt es nicht?

Trotz dieses Erfolgssongs, trotz der vier zwischen 1982 und 1986 erschienenen Langspielplatten und der überdurchschnittlichen Qualität seiner Lieder ist die Anhängerschaft des bajuwarischen Musikers noch gering. Und so wagt er sich auf seiner Tournee ’87 nur mit drei Auftritten (in Bielefeld, Bochum und Hamburg) in die Gegend nördlich des „Weißwurstäquators“.

In Knopfs Music Hall in Hamburg wollen ihn immerhin 800 an diesem Abend hören, an dem er seine neue, die fünfte LP, „Höhlenmalerei“ (vgl. ZEIT Nr. 15) vorstellt. Listig hat er sein Programm mit älteren, flotten Liedern aufgestockt. Mit Erfolg, denn bei den fetzigeren Punk-, Rock- und Funktiteln beginnen auch kühle Nordlichter gern, in den Knien zu federn.

Buchner greift im Verlauf des Abends zu Kongas, Tenorhorn und Saxophon, er klopft und streichelt die Klaviertasten, und selbst ein Trompeten-Mundstück ist ihm für ein paar Töne gut. Wenn es ginge, so würde er wohl am liebsten allein auftreten; fast einsiedlerisch komponiert und textet er im niederbayrischen Achtzig-Seelen-Dorf Haindling, das der Gruppe den Namen gab, ja auch alle Lieder selbst. Doch ganz ohne Band geht die Tournee-Chose nicht. Seine fünf Begleitmusiker finden sich ausschließlich zu diesem Zweck zusammen. Fünf Wochen hat die Künstler-Allianz Bestand, dann gehen sie wieder getrennte Wege: zwei Juristen, ein gelernter Anstreicher, ein Berufsmusiker und ein Musikalien-Kleinverleger.

Keimzelle von Buchners Erfolg ist der Tanzsaal des ehemaligen Gasthofs von Haindling. Hier, 40 Kilometer südöstlich von Regensburg, hat er sein Acht-Spur-Studio eingerichtet, hier entsteht die erste Mixtur mit den charakteristischen Keyboards-Zutaten, den spritzigen Baßläufen und den eingängigen Bläsersätzen. Von dem in den „Polydor“-Studios gefertigten Masterband erhalten später die Gruppenmitglieder jeweils eine Kopie, von der sie sich ihre Parts herunterhören. Im März genügten dann vier Tage Probezeit, um die sieben neu ins Repertoire aufgenommenen Lieder einzustudieren. Am 30. März setzte sich der Troß in Bewegung; 18 Stationen hat die Tournee.

Einige „Haindling“-Fans schwören indessen auf die heimischen Kopfhörer. Es gibt Gründe. Nein, mitreißend wirkt Buchner auf sein Publikum nicht; ein paar knappe, lakonische Bemerkungen zwischen den Nummern müssen als Stimmungsanreiz genügen. Der Mann, der vom Aufbruch ins „Land der Spontaneität und Emotionen“ singt, hat seinen Musikern ein festes Korsett angelegt, in dem für Improvisation kein Raum ist. Kopf und Ohren kommen dennoch auf ihre Kosten. Selbst ausgereizten Protestszene-Themen ringt Buchner noch Wirkung ab, wenn er in Anspielung auf die Nazizeitverdrängung singt: „Wenn da no einer sagt, er hat von nichts gewußt – mei Liaba!“ Der letzte Satz des Liedes, der wie ein unschuldig eingestreutes Zitat aus den Beschwichtigungsritualen der Politiker daherkommt, trifft vernichtend: „Es bestand zu keiner Zeit keinerlei Gefahr.“

Längst haben sich die Fernsehanstalten auf Buchners Fährte gesetzt. Im Morgenrock eröffnete er vor Jahren Alfred Bioleks erste Folge von „Bei Bio“, jetzt interessieren sich die Produzenten für seine Komponistenkünste. Aus dem Töpfermeister, der 1978 auf der Handwerksmesse in München den Staatspreis erhielt, ist ein gefragter Mann geworden. Aus seiner Feder stammen nicht nur Lieder für Herman van Veen und Peter Maffay, er hat auch die Titelmelodie der TV-Serie „Irgendwie und sowieso“ geschrieben und sitzt nun an der Vertonung einer weiteren, 48teiligen Fernsehserie, die unter dem Titel „Zur Freiheit“ am 1. September startet.

Ein dermaßen engagierter Mensch mit sichtbaren Zeichen des Erfolgs bringt es auch in einem niederbayrischen Weiler mit vorwiegend katholischer Bevölkerung zu einem Mindestmaß an Anerkennung. Bei den seltenen, aufs Grüßen beschränkten Kontakten, die er hat, konnte der Musiker, der mit seiner Freundin Uli Böglmüller ohne Trauschein zusammenlebt, feststellen: „Die Leut’ sehn, daß i Geld verdien’, daß i an Mercedes TE foahr, und na geht des scho irgendwie in Ordnung.“ Jürgen Benz