Franz Schubert: "Sinfonie Nr. 8 (9) C-dur" (Die "Große")

Wer zweifelte daran, daß sie gewissenhaft ausführen, was man von ihnen verlangt: diese Erzmusikanten aus Sachsen, deren orchestraler Werdegang seit Carl Maria von Weber eine gesamteuropäische Tradition ohne Beispiel begründete, mit Richard Wagner, Ernst von Schuch, Richard Strauss, Fritz Busch, Karl Böhm und vielen anderen Persönlichkeiten – ein stolzes Kapitel Dresdner Musikgeschichte. Der Staatskapelle ("Dresdner Harfe") macht man nichts vor. So dürften ihre mit altbekannter sächsischer Schläue durchtriebenen Mitglieder auf Anhieb dahintergekommen sein, daß ihnen mit dem Engländer Jeffrey Tate, der über Nacht vom Klavier zum Mann am Pult mutierte, aus schnöden kommerziellen Gründen ein "Superstar" aufs Ohr gedrückt wurde, dem Schuberts "himmlische Längen" wohl eher als "böhmische Dörfer" erschienen. Angesichts so sträflichen Leichtsinns muß die ansonsten so exzellenten Musiker ein Maximum an Gleichgültigkeit, wenn nicht gar Lustlosigkeit befallen haben. War es Unvermögen oder hält der so farb- wie einfallslose Taktstock-Debütant die dirigentische Funktion für so belanglos, daß er das Orchester weitgehend sich selbst überließ? Wußte er gleich zu Beginn, bei den acht Takten des Kernmotivs, den unisono blasenden Hörnern nichts zu sagen, als sie die Partiturvorschriften (p-pp, sechs Akzentuierungen) grob verletzten? Hat er diese geheimnisvollen Weckrufe niemals von Kompetenten des Faches gehört? Jeffrey Tates akustisches Elaborat befriedigt mitnichten, wird keinerlei Anspruch gerecht. Vorwiegend laut und hohl, ohne Charme und Gespür für Übergänge poltert es drauflos, ist vor allem der Großarchitektur und elementaren Wucht des Stückes nicht gewachsen. (EMI 7 474782)

Peter Fuhrmann

Gabriele Hader & Foolish Heart:

"God is a She"

Welch ein sympathisches Quartett, in dem sich, denke ich, jeder in der Obhut des anderen fühlt, ganz besonders wohl die Komponistin, Textverfasserin und Sängerin Gabriele Hasler. Sie ist im Jazz ein großes Talent und ragt noch unter den ganz wenigen ihresgleichen hervor. Was sie auszeichnet, ist ihre katzenhafte Leichtigkeit und die Intensität ihrer Darstellung, ihre Lust am Spiel mit der Stimme und mit der Musik (und mit den Gedanken auch). Das entfaltet sich natürlich besonders da, wo sie scat singt, makellos, und auf einmal scheint dann alles mitzuschwingen – so, wie es etwa in dem Stück "You are so strong" geschieht; es ist, denke ich, das musikalisch dichteste und reichste, es ist Jazz von der feinsten kammermusikalischen Art.

Daran haben freilich alle vier Musiker ihren Anteil: der Bassist Manfred Bündl; der Schlagzeuger Jörn Schipper, der gut dosiert zwischen hart und fein; der Pianist Bob Degen, gleich, ob er mit trockenen Akkorden die Struktur betont und pointiert, oder ob er zu lyrischen Gesängen anhebt. Die Schallplatte endet nachdenklich mit einem expressiven Solo, das mit seinen Farben und seinen Intervallsprüngen an amerikanische Sängerinnen wie Jay Clayton erinnert: mit einem Gleichnis über die moderne Ungeduld, betitelt "Creatoxygenology". Überhaupt bemerkt man einen Hang zum Philosophieren, in den Texten und in der Musik. (Verlag "pläne" FM III 186)