Von Harry Pross

In den autobiographischen Romanen von Peter Weiss, "Abschied von den Eltern" (1961) und "Fluchtpunkt" (1962) kommt Max Barth als M. B. beziehungsweise Max Bernsdorf vor. Die beiden hatten sich in Prag getroffen, weil Hermann Hesse dem jungen Maler die Prager Adresse des emigrierten Journalisten gegeben hatte, mit dem ihn eine lange Korrespondenz verband. Barth, 1896 im badischen Waldkirch geboren, dort 1970 gestorben, Sohn eines Buchbinders und Mesmers, kindlicher Dichter, als Jüngling abstinent, vegetarisch, Wandervogel, Lehramtsbewerber und Soldat, dann Journalist. Der junge Barth bewunderte Hesse und dessen politische Unbeugsamkeit.

In Prag nahm er Peter Weiss auf, ohne zu wissen, daß dieser als tschechoslowakischer Staatsbürger in ungleich besserer Lage sich befand als er, der nach illegalen Grenzübertritten aus Spanien, über Frankreich, die Schweiz und Österreich ins Land gekommen war. Prag war nur eine Station auf der Flucht aus Deutschland, die im März 1933 von Stuttgart nach Basel begonnen hatte.

"Die Schweizer Freiheit" heißt das erste Kapitel der vorliegenden Aufzeichnungen. Es ist die in stoischer Gelassenheit beschriebene Geschichte einer Entfremdung: Für den Flüchtling aus dem Breisgau war Basel so vertraut wie Colmar und Straßburg. Was heute "das Dreiecksland" am Oberrhein genannt wird, in dem die Staatsgrenzen durch zigtausend Grenzgänger relativiert werden, die im anderen Land ihr Brot verdienen, war 1933 für Flüchtlinge ein gefährliches Terrain. Barth konnte zwar unbehelligt mit der Straßenbahn aus dem deutschen Lörrach ins schweizerische Basel fahren; aber er war den Eidgenossen unwillkommen. "Ausgewiesen werden kann jeder, dessen Anwesenheit für die Schweiz nicht notwendig ist."

Barth war nicht notwendig für die Schweiz. Vielleicht weil er damals Mitglied der KPD war. So ging er von Ascona, wo Emil Ludwig, um sich zu distanzieren, einen Goethe-Vortrag auf französisch hielt, nach Paris. Baß erstaunt, daß seine Mitrevolutionäre von der KP ihre hilfsbedürftigen Genossen von Rothschilds Spenden für ein jüdisches Hilfskomitee verköstigen ließen. Das befremdete sein proletarisches Empfinden, das überhaupt rapide abnahm. Barth war als Redakteur an Dr. Erich Schairers linksliberaler Sonntagszeitung in Stuttgart der KP beigetreten, um den Nazis zu wehren. Schairer, um die Unabhängigkeit seines Blattes besorgt, hatte ihm daraufhin die Mitarbeit gekündigt.

Schairer (1887-1956), schwäbischer Überprotestant, Liberalsozialist und Satiriker, war dann ab 1946 Mitherausgeber der Stuttgarter Zeitung. Er kommt in Barths Erinnerungen nur in den Anmerkungen des Herausgebers vor. Wie die beiden Querköpfe, der schwäbische und der alemannische Erzdemokrat, auseinander- und nicht wieder zueinandergekommen sind, wäre vielleicht für Baden-Württemberg-Ethnologen interessant. Jedenfalls machte sich Barth 1932 ein eigenes Blättchen: Die Richtung. Er rief zum Generalstreik gegen die drohende Naziherrschaft auf. Das zwang ihn unter der Anklage "literarischen Hochverrats" ein paar Monate ins Exil.

1933/34 in Paris überwarf Barth sich mit der KP durch frei geäußerte Kritik. Ein Mädchen namens Suse, das er in Ascona gekannt hatte, meldete seine Ansichten – "die korrupten Brüder vom ZK" u. ä. – eben diesen Die Sitzungen des "Bundes proletarischer Schriftsteller" ödeten ihn an: "Einmal sprach ich Anna Seghers davon, daß ich mich vom Kommunismus überhaupt wegentwickle. Sie riet mir, einen Genossen zu sprechen, der für solche und ähnliche Dinge zur Zeit aus Moskau hier sei; sie könne mir eine Unterredung bei ihm verschaffen. Ich dankte. Um zum Beichtvater zu gehen, muß man gläubig sein."