Von Roland Kirbach

Mülheim/Ruhr

Atti ist lieb. Atti bellt nicht und beißt nicht. Mit seinem Gewicht von über 100 Kilogramm wirft Atti einen höchstens zu Boden vor lauter Begrüßungsfreude, das meint er nicht böse. Amigo war da ganz anders. Den mußte man vorher einsperren, wenn Besuch kam. Der schnappte mitunter schon mal kräftig zu. Aber Amigo ist tot. Atti, der Neue, ist nun schon der dritte Bernhardiner der Eheleute Doba. Daß sie nicht gleichfalls vor die Hunde gegangen sind, sagt Ludwig Doba, 74 Jahre alt, "das ist nur, weil wir so starke Nerven haben". Dabei zittern seine Hände. Seine Ehefrau Erna, 65 Jahre alt, kann das alles nun nicht mehr hören und geht aus dem Zimmer.

Ihr Leben lang haben die beiden hart gearbeitet; er als Fernfahrer, sie als Putzfrau. Kinder blieben ihnen versagt; aber dafür hatten sie immer einen Bernhardiner. Einmal in der Woche fährt Ludwig Doba mit seinem alten, sorgsam gepflegten Citroën zum Schlachthof und holt eine Ration Fleisch. Sie könnten einen angenehmen, geruhsamen Lebensabend verbringen. Das kleine Häuschen, das sie bewohnen, liegt in einem stillen Wohngebiet am Stadtwald in Mülheim an der Ruhr. Doch ihre Ruhe haben die Dobas seit annähernd 20 Jahren nicht mehr. Jetzt sind sie mit ihren Kräften am Ende, physisch und psychisch. "Ich werde nicht alle Rechtsmittel ausschöpfen können", sagt ihr Rechtsanwalt Michael Kosthorst aus Duisburg, "weil ich fürchte, das werden die beiden gesundheitlich nicht durchhalten. Die weinen bei mir hier im Büro."

Angefangen hat das Verhängnis Ende der sechziger Jahre. Damals lebte das Ehepaar in einem alten Fachwerkhaus an der Mellinghofer Straße. Als Mülheims Stadtplaner die Straße zur vierspurigen Hauptstraße ausbauen ließen, mußten die Dobas ausziehen; das Haus wurde abgerissen. Mit einer Ersatzwohnung tat sich die Stadt jedoch schwer. Wegen des Bernhardiners kam eine Etagenwohnung nicht in Betracht. Schließlich fand sich eine alte Schule, die jahrelang leergestanden hatte und nun als neues Domizil der Dobas hergerichtet werden sollte. Die meisten Renovierungsarbeiten übernahmen die Eheleute selbst, auch neue Möbel mußten angeschafft werden. Aber: "Hier können Sie alt werden, haben die von der Stadt zu uns damals gesagt", berichtet Ludwig Doba.

Doch schon vier Jahre später schickte die Stadt ihnen die Kündigung. Ein CDU-Stadtverordneter hatte das Schulgrundstück als Ersatz für sein Grundstück erhalten, das im städtischen Sanierungsgebiet lag. Die alte Schule wollte der neue Eigentümer abreißen lassen und statt dessen neu bauen. Wieder mußten die Dobas umziehen, und wieder fand sich wegen des Hundes nicht sofort eine Ersatzwohnung. Vorübergehend wurde das Ehepaar in eine Zwei-Zimmer-Wohnung in einem leerstehenden Abbruchhaus einquartiert. "Zwei bis drei Wochen" müßten sie da nur ausharren, versicherte die Stadt. Daraus wurden schließlich neun leidvolle Monate. Ein Großteil der gerade neu erworbenen Möbel mußte aus Platzgründen im ebenfalls leerstehenden Nachbarhaus untergestellt werden. In den feuchten Räumen dort setzten sie rasch Schimmel an, einige Gegenstände wurden gestohlen. Und der Bernhardiner schaffte bald die 67 Stufen zur Wohnung hoch nicht mehr. Er mußte ins Tierheim, wo er kurz darauf starb.

Im Frühjahr 1974 schließlich wurde den Dobas das kleine Häuschen am Stadtwald angeboten, das bis dahin leergestanden hatte und völlig renoviert werden mußte. Wieder bekam das Ehepaar zu hören: "Hier können Sie alt werden, dieses Grundstück verkauft die Stadt nie." Die Dobas schafften sich wieder einen Bernhardiner an. Und in der Tat beschied die Stadt die zahlreichen Kaufinteressenten alle negativ – bis Karl-Hans Bösel kam.