Von Dorothea Hilgenberg

K eine Frage, daß rebellischer Geist das Herz des linken Professors schneller schlagen läßt. Das Stück aber, dem der Berliner Politologe Elmar Altvater kürzlich im Otto-Suhr-Institut der Freien Universität beiwohnen mußte, kann ihn höchstens gerührt haben. Was da „mit mitleidig stimmender Hilflosigkeit“ inszeniert wurde, sollte ein Aufstand werden, endete aber in einem jähen Absprung von den Barrikaden.

Eine kleine Schar von Studenten hatte beschlossen, „etwas gegen die schlimmen Lernbedingungen zu tun“. Man stürmte wie anno achtundsechzig das Otto-Suhr-Institut und baute’ sich ein Nachtlager. Man redete und debattierte, und einige versuchten sich an einem hochtheoretischen Text, „II manifesto“‚ aus dem Jahre 1969. Irgendwann hatten die Besetzer jedoch genug von ihrem Abenteuer. Sie räumten das Feld ebenso plötzlich, wie sie es in Beschlag genommen hatten. „Die Aktion brach lautlos in sich zusammen“, erinnert sich Altvater.

Etwa zur gleichen Zeit hatte der AStA in Göttingen zur Generaldiskussion über die Lage „in diesem unserem Lande“ aufgerufen; „Indula“ hieß die Veranstaltung, sie war groß angekündigt, doch (fast) keiner kam. Auch die Kollegen in Hamburg hatten viel Mühe, den Herrschenden die Zähne zu zeigen: Die meisten Kommilitonen hatten gar nicht mitbekommen, daß der AStA zu einer Großdemonstration gegen Atomtests aufgerufen hatte. Nur ein Häufchen Unentwegter schleppte sich zum amerikanischen Konsulat.

Ruhe herrscht auf den Gängen ehrwürdiger und reformfrischer Hochschulen. So still ist es zuweilen, daß sich fortschrittliche Zeitgenossen ernsthaft sorgen, und auch gemäßigte Gemüter ins Grübeln geraten: Sind unsere Studenten zu brav? Ist ihnen jeder, für ausholende Gedankensprünge unverzichtbare Widerspruchssinn abhanden gekommen? An dieser Stelle pflegen sie sich dann verträumt zurückzulehnen und jener Zeit zu gedenken, in der sie angetreten waren, um es der Welt zu zeigen. Bilder ziehen an ihnen vorbei ... aus dem Campus herausstürmende, bürgerliche Prinzipien entschlossen durcheinanderwirbelnde Studenten ... mit erhobenen Fäusten vor den Mächtigen ...

Wir wollen unseren Blick nicht durch die farbkräftigen Schilderungen der (ruhmreich in die Zeitgeschichte hinübergewechselten) Apo-Veteranen trüben lassen. Gestehen wir aber unsere Verwirrung ein: Warum räuspert sich niemand mehr an den Universitäten? Warum mucken nicht hin und wieder ein paar beherzte Kommilitonen auf? Sind es graue Mäuse oder unerschütterlich sonnige Gemüter, die sich ihren Weg zu einem akademischen Dasein, fleißig Scheine sammelnd, zielstrebig durch die Semester bahnen?

Schließlich sind sie keineswegs auf Rosen gebettet. Fast jeder weiß, welchen Widrigkeiten sie ausgesetzt sind: Sie müssen zu zweit auf einem Studienplatz sitzen, sie haben zu wenig Geld und (in vielen Fächern) keine Perspektive, der Arbeitsmarkt ist abgeriegelt. Da, meinen einige, liegen auch schon die Gründe. „Wir müssen heute viel härter arbeiten, weil der Druck größer geworden ist“, sagt Klaus, ein Soziologiestudent aus Hamburg. Studieren hier und Jobben da, „jeder versucht einigermaßen durchzukommen und noch zusätzlich seine Fremdsprachen aufzubessern oder ein bißchen EDV mitzubekommen.“ Hamburgs Universitätspräsident Peter Fischer-Appelt, der mit 17 Amtsjahren dienstälteste Hochscnul-Leiter, wundert sich, auf wie vielen Hochzeiten sich die akademische Jugend verdingt: Sie besuchen ihre Seminare, haben oft mehrere Jobs, frönen ausgiebig ihren privaten Hobbys und machen häufig noch in Bürgerinitiativen mit. Geklagt wird wenig – „Sie haben es schon früh gelernt, sich ohne Nabelschau und Kleinlichkeit auf die Umstände ihrer Generation einzurichten“.