Von Uta van Steen

Eine Karte der Antarktis besaß der ältere Herr bereits, auch eine vom Himalaja und von Guadeloupe. Nun wünscht er sich eine von Argentinien: „Aber eine möglichst genaue, bitte.“ Hinfahren jedoch, erzählt Jan Schröter, als der Kunde den Laden verläßt, wird der platonische Globetrotter wohl niemals. „Er war schon öfter hier, er sammelt die Karten nur und träumt von fernen Ländern.“

Reisebuchhandlungen sind angenehme Orte. Wer sie betritt, ist meistens frohgestimmt. In anderen Buchhandlungen trifft man die Schüchternen, die verlegen das Bändchen „Selbstbewußt in 13 Lektionen“ durchblättern, die Verschlagenen, die „1000 ganz legale Steuertricks“ ausknobeln und die Asketen mit dem „Tofu-Kochbuch“. Die Kunden der Hamburger geographischen Spezial-Buchhandlungen „Fernweh“ und „Dr. Götze, Land & Karte“ haben dagegen alle etwas Träumerisches im Blick.

Schon Laotse wußte: „Eine Reise von tausend Meilen beginnt mit einem kleinen Schritt.“ Und der führt meist – in die Reisebuchhandlung. Hier wird der Trip generalstabsmäßig vorbereitet (mit Hilfe von Landkarten), atmosphärisch vorweggenommen (mittels literarischer Reisebeschreibungen) und kritisch durchdrungen anhand von Dokumentationen, die auch die politische Situation des jeweiligen Landes näherbringen.

Während „Dr. Götze“ mehr Wert auf eine ackurate Vorbereitung legt, zielt „Fernweh“ mit seinem literarischen Sortiment mehr aufs Gemüt. Im Fenster baumelt ein großer, grüner Gummiglobus, ein altes Fahrrad ist ausgestellt, mit Landkarten in den Seitentaschen. Im Ladeninnern versteckt sich eine männliche Schaufensterpuppe hinter einem gestreiften Ballon, das elegante rote Hemd lässig in eine schwarze Lederhose gestopft. Topfpflanzen und die allseits beliebten Regale aus Fichtenholz verbreiten Heimeligkeit.

„Manchmal fühlen wir uns eher als Reisebörse denn als Buchladen“, sagen die Ex-Lehrer Katharina und Jan Schröter, die Fernweh und drohende Arbeitslosigkeit gleichermaßen zu eigenem Geschäft trieben. „Wir kriegen hier unheimlich viel Resonanz.“ Das heißt: Jemand kauft bei „Fernweh“ einen Malaysia-Führer. In Kuala-Lumpur bemerkt er erstaunt, daß das so hochgelobte Hotel inzwischen abgebrannt ist. Kaum ist der Reisende zurück, berichtet er im „Fernweh“ von der Neuigkeit. Und Katharina und Jan Schröter machen dann den nächsten Buchkäufer auf die Änderung aufmerksam.

Beratung schreiben die beiden groß. Oft verweisen sie dabei auf literarische Werke über das jeweilige Land. „Aus Flauberts Ägyptenbuch zum Beispiel erfährt man allemal mehr vom Geist des Landes als durch einen Polyglott“, meint der „Fernweh“-Chef. Historische Reisebeschreibungen füllen ein ganzes Regal: Heinrich Heines „Reisebilder“ etwa, Kolumbus’ Bordbuch, August Mackes „Tunisreise“ und der Nachdruck von Ferdinand Freiherr von Richthofens „Führer für Forschungsreisende“ aus dem Jahre 1886.