Von Wolfgang Grün

Eins kann man den Funktionären des deutschen Weinbaus wahrlich nicht nachsagen: Schwarzmalerei. In der Öffentlichkeit geben sie sich vielmehr seit Wochen betont optimistisch. Die Verantwortlichen im Mainzer „Stabilisierungsfonds für Wein“, der Marketingorganisation der deutschen Weinwirtschaft, glauben zum Beispiel nach dem österreichischen und italienischen Weinskandal fest an „eine allmähliche Normalisierung des inländischen Weinmarktgeschehens“. Und der Präsident des deutschen Weinbauverbandes Reinhard Muth setzt noch einen oben drauf: Für den deutschen Weinbau in der erweiterten Europäischen Gemeinschaft sieht er – ganz allgemein – eine rosige Zukunft. Beide Einschätzungen darf man getrost als abenteuerlich bezeichnen.

Weniger beruhigend ist die Absatzentwicklung des deutschen Weins. Der Pro-Kopf-Verbrauch ging im vergangenen Weinjahr noch einmal um neun Prozent zurück. Dies als Erfolg zu werten, wie das Vertreter der Branche tun, weil sie noch größere Verluste befürchteten und ihre ausländischen Konkurrenten teilweise noch schlechter dastehen, ist absurd. Überdies beziehen sich die erneuten Rückgänge auf die deutlich verringerte Absatzmenge des Vorjahres: 1985, im Jahr des österreichischen Weinskandals, mußten die deutschen Winzer einen Verbrauchsrückgang von über 22 Prozent verbuchen, während der Konsum ausländischen Weins damals noch deutlich weniger sank.

Eine Diskussion um die Folgen der Weinskandale verstellt freilich den Blick für die eigentlichen Probleme, die mit Charakterisierungen wie „Krisenentwicklung in der deutschen Weinwirtschaft“ und der „dramatischen Situation der Weinproduktion in Deutschland“ umschrieben werden, Begriffen übrigens, die auch im jüngsten Geschäftsbericht des Stabilisierungsfonds zu finden sind.

Indizien für diese Krisen finden sich genug: Die Zahl der Pleiten im deutschen Weinbau nimmt nach Einschätzung der örtlichen Kreditinstitute weiter zu. Dies ist natürlich auch eine Folge der Weinskandale, aber eben nur „auch“. Denn im Agrarbericht der Bundesregierung und in Untersuchungen von Landwirtschafts- und Weinbauministerien sind weitere ernüchternde Zahlen zu finden. Sie dokumentieren die teilweise erschreckende Einkommenssituation vieler deutscher Winzer und ihrer Angehörigen; die Durchschnittseinkommen der Vollerwerbsbetriebe lagen im Weinjahr 1985/86 bei knapp 29 000 Mark im Jahr, gut dreizehn Prozent niedriger als im Jahr zuvor.

Für den Mainzer Stabilisierungsfonds wird die mißliche Lage des deutschen Weinbaus vor allem im Hektarerlös deutlich, der auch 1985 wieder unter zehntausend Mark lag. Trotz Steigerung der Flächenerträge sei es der deutschen Weinwirtschaft nicht gelungen, die Erlöse je Flächeneinheit zu steigern. Vielmehr sei im Vergleich zu den beiden vorangegangenen Jahrzehnten in den vergangenen drei Jahren „ein Erlöseinbruch um etwa ein Drittel“ zu erkennen.

Kein Wunder, daß sich diese niedrigen Umsätze auch unter dem Strich bemerkbar machen, bei den Einkommen nämlich. So gibt es nach einer Untersuchung von Gerhard Stumm, er ist stellvertretender Abteilungsleiter für das Weinbauressort im rheinland-pfälzischen Landwirtschaftsministerium, zwar Gebiete, wo der durchschnittliche Gewinn pro Unternehmen über sechzigtausend Mark im Jahr liegt. Es gibt aber auch Regionen, in denen der Gewinn unter zwanzigtaussend Mark liegt und sogar noch darunter.